Der Kampf um die sparsamen Küchenherde

Bergedorfer Zeitung, 4. April 1921

Energiesparen war vor einem Jahrhundert ein großes Thema, vor allem wegen der Energiepreise. Entsprechend gut besucht war der Vortrag eines Vertreters einer Charlottenburger Firma, wie die BZ am 6. April 1921 berichtete. Der Apparat „Küchenschatz“ oder „Kleine Hexe“ sollte demnach Frage 3 beantworten: mit „aufeinanderzustellenden Töpfen“ sollte man Fleisch schmoren, Kartoffeln und Gemüse oder Suppe kochen können – gleichzeitig, auf nur einer Flamme! Ob das wirklich funktionierte, lässt sich hier mangels geeigneter Töpfe nicht erkochen, aber Bergedorfs Ortskohlenstelle zeigte sich beeindruckt und empfahl per Anzeige den Besuch der Vorführungen, da die gezeigten Geräte „tatsächlich eine nennenswerte Ersparnis in den so kostbaren Brennstoffen“ gestatteten (BZ vom 6. April 1921).

Bergedorfer Zeitung, 5. Dezember 1921

„Sparsamsten Verbrauch“ versprach auch eine Firma aus Liebertwolkwitz bei Leipzig für ihren Grudeherd; der Bergedorfer Kohlenhändler Carl Harden versprach „sparsamstes Brennen“ für die von ihm vertriebenen „Sparkocher“ mit gusseisernem Rost, schmalen Stäben und schmalen Zwischenräumen, die mit Briketts zu befeuern waren (BZ vom 21. Januar 1921).

Bergedorfer Zeitung, 6. August 1913

 

 

Das Bergedorfer Gaswerk hielt dagegen: Gas sei „wirtschaftlicher als jedes andere Feuerungsmittel“. Die Gasapparate, Kocher in jeder Größe, Badeöfen, Heizöfen und Lampen konnte man 1921 in zwölf monatlichen Teilzahlungen abstottern (BZ vom 25. Mai 1921). Die hier gezeigte Annonce aus der Vorkriegszeit veranschaulicht einige der Vorteile der Verwendung von Gas gegenüber Grude, Holz, Torf, Braun- und Steinkohle, doch vielen potentiellen Kunden werden noch die Gassperren der Kriegszeit in schlechter Erinnerung gewesen sein.

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Der Kaiser im Küchengarten

Bergedorfer Zeitung, 27. März 1888

Innerstädtischen Gemüsebau wollten Bergedorfs Stadtväter nicht betreiben, als sie für 3.000 Mark den Schlossküchengarten erwarben – sie hatten andere Pläne: dort sollten „Anlagen“ geschaffen werden, ein gestifteter Springbrunnen sollte den Bereich verschönern, der Verschönerungsverein (Vorsitzender: Bürgermeister Dr. Mantius) wollte „Schmucksachen und Zierath“ finanzieren, also Rasenflächen, Blumenrabatte und sogar eine Steingrotte (BZ vom 24. April 1888), die Gaswerke wollten per geschenkten Kandelabern (BZ vom 2. Juni 1888) die Beleuchtung ermöglichen.

 

Bergedorfer Zeitung, 14. Juni 1888

Für eine solche, gärtnerisch gestaltete Fläche passte der profane Name natürlich nicht mehr, und die Umbenennung lag für Bergedorfs Bürgertum auf der Hand: Kaiser Wilhelm I. war einige Wochen zuvor gestorben, nach ihm wurde der Platz benannt; auch sollte ihm dort ein Denkmal gesetzt werden.

Die erste Maßnahme der Bergedorfer war aber die Beseitigung der „Brettereinfriedigung, welche den sogen. Schloß-Küchengarten umgab, welche mit ihrem Teeranstrich einen keineswegs freundlichen Anblick gewährte“ (BZ vom 3. Mai 1888). Nun war der Platz also einsehbar, und die weiteren Arbeiten schritten schnell voran. Am 17. Juni sollte die offizielle Einweihung feierlich begangen werden – doch der Tod des 99-Tage-Kaisers Friedrich erzwang eine Verschiebung (BZ vom 16., 19. und 26. Juni 1888).

Das Ableben des zweiten deutschen Kaisers hatte Auswirkungen auf die Denkmalfrage: sollte auch ihm ein Denkmal gesetzt werden? Der Bergedorfer Bürgerverein war vehement dafür (BZ vom 23. Oktober 1888), der Verschönerungsverein lehnte ein Doppeldenkmal ab, weil er befürchtete, dass die einzuwerbenden Spenden dafür nicht ausreichen würden (BZ vom 13. November 1888). Schließlich machte sich der Verschönerungsverein allein an die Sammlung, die knapp 5.120,15 Mark erbrachte (BZ vom 28. März 1889, 30. April 1889, 30. Oktober und 16. Dezember 1890 sowie 5. April 1892) – das reichte nicht für ein Standbild, sondern nur für eine Büste auf steinernem Sockel, die am 22. März 1991 feierlich enthüllt wurde. Bei schönem Wetter, vor geladenen Gästen bzw. Spendern auf Sitzplätzen, den Militärvereinen und weiteren Besuchern auf dem Schlosswall nahm der Festakt seinen Verlauf: „Rathmann Meyer [bestieg] die Tribüne, um Namens der Stadt das Denkmal zu übernehmen und allen Denen zu danken, die an dem Zustandekommen des Denkmals mitgewirkt haben.“ (BZ vom 24. März 1891) – Darauf wird in einem weiteren Beitrag im zweiten Halbjahr 1922 zurückzukommen sein.

Die Bronze-Büste ist ein Werk des Bildhauers Reinhold Begas, wie Jan Petersen auf seiner Internetseite sh-kunst.de schreibt, die zahlreiche Skulpturen (auch) in Bergedorf mit Foto und Text vorstellt. Petersen hat auch weitere Güsse dieser Büste ausfindig gemacht, die in verschiedenen Städten aufgestellt wurden. Für ein Unikat hatten die Bergedorfer also nicht genug Geld zusammenbekommen.

Kaiser-Wilhelm-Denkmal (links hinten) mit Sievers-Brunnen (flüchtig kolorierte Ansichtskarte)

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Spuren der Hamburger Marschbahn

Altengamme-Borghorst, östlich Horster Damm

Auch wenn es nicht so aussieht: dieses Bauwerk aus Beton war einmal ein Tunnel. Er gestattete den Gärtnern am östlichen Ende des Altengammer Elbdeichs die Unterquerung des Damms, auf dem die Hamburger Marschbahn verkehrte. Man sieht: der Bahndamm ist heute vollständig abgetragen, die Bahn verkehrt nicht mehr (seit nunmehr siebzig Jahren), aber ihre Spuren sind noch sichtbar – weiter östlich als bis zum Tunnel aber nicht, obwohl die Strecke einmal bis Geesthacht führte.

Vom Horster Damm aus Richtung Westen blieb der Bahndamm aber erhalten, und große Teile der Strecke sind heute ein beliebter Radweg für gemütliche Touren durch das Landgebiet.

1920 hatte die Kleinbahn auf der Teilstrecke von Geesthacht bis Fünfhausen den Betrieb aufgenommen (siehe die Beiträge Die nicht gefeierte Eröffnung und Der Beginn des Personenverkehrs), und um diesen Streckenabschnitt soll es hier gehen.

Bahnhofsgebäude Borghorst

Die meisten Bahnhöfe an der Strecke sind erhalten und dienen meist Wohnzwecken; einige stehen unter Denkmalschutz (wie der hier gezeigte Bahnhof Borghorst in Altengamme), einige wurden umgebaut, viele tragen noch den Stationsnamen an der Fassade. Die größten Veränderungen hat der Bahnhof Fünfhausen erfahren – das dort aufgestellte Eisenbahnsignal ist eine Errungenschaft aus der Zeit nach der Streckenstilllegung. An vielen Haltepunkten sind übrigens auch noch die gut erhaltenen gemauerten Bahnsteigkanten zu sehen.

Altengamme

Weniger auffällig sind die letzten verbliebenen Zaunpfähle aus Eisenbeton – die Zäune sollten verhindern, dass das Vieh von den benachbarten Weiden den streckenweise kaum erhöhten Bahndamm betrat und damit sich und den Bahnverkehr gefährdete. Da die Zaunpfähle über weite Abschnitte von gleicher Art sind bzw. waren, werden sie vermutlich im Auftrag der BGE im Zuge des Bahnbaus gesetzt worden sein. Ob das eine oder andere eiserne Weidegatter ebenfalls „original“ ist, kann nicht gesagt werden. Eigentlich wäre das alles denkmalwürdig.

 

„Güterbahnhof“ Neuengamme

An einigen Stationen sind auch noch gut die alten gepflasterten Ladestraßen zu erkennen, so z.B. am Bahnhof Neuengamme-Elbdeich. Der danebenliegende Lagerschuppen scheint auch älteren Datums zu sein; ob er im Zusammenhang mit dem geplanten „Güterbahnhof am Elbdeich“ (BZ vom 17. Juni 1920) errichtet wurde, ist unbekannt.

Ob die Ladestraße am Bahnhof Teufelsort nach Fertigstellung der benachbarten Schule noch existieren wird, ist fraglich: gegenwärtig ist sie durch die Baustelleneinrichtung überdeckt.

Bahndamm zwischen Teufelsort und Gleisdreieck

Auf großen Teilen der Strecke ist die Krone des Bahndamms im Zuge der Umwidmung zum Radwanderweg asphaltiert worden und auch für den Anliegerverkehr per Auto nutzbar – andere Bereiche wiederum verfügen über zwei betonierte Streifen, die an die früheren Bahngleise erinnern, doch droht diesen das Aus durch Asphaltierung in voller Bahndammbreite, um eine Fahrradschnellstrecke in die Hamburger Innenstadt zu schaffen.

 

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Bergedorf postalisch 4: Weltstadt für 38 Tage

Bergedorfer Zeitung, 29. Dezember 1887

Bergedorfs (Reichs-)Post hatte Konkurrenz bekommen: wie in manchen Großstädten mit „weltstädtischem Verkehr“ hatte auch hier eine private Briefbeförderungsgesellschaft ihren Betrieb aufgenommen, die mit wahren Dumpingpreisen den örtlichen Postmarkt erobern wollte: bei ihr sollte der Ortsbrief zwei Pfennig kosten – bei der Reichspost waren es laut Wikipedia damals fünf Pfennige. Die BZ gab sich aber skeptisch, da „der Adressat in den meisten Fällen ebenso schnell zu erreichen ist wie der nächste Briefkasten“.

Diesen publizistischen Fehlstart hätte der Unternehmer A. Salvador jr. sicher vermeiden können, wenn er für sein Vorhaben in der BZ Anzeigen geschaltet hätte, aber er informierte Bergedorfs Haushalte durch ein „Zirkular“, also eine Art Flugblatt oder Hauswurfsendung. Das Übergehen der BZ strafte diese eben mit süffisant-mokanter Berichterstattung.

Bergedorfer Zeitung, 31. Dezember 1887

Und die Zeitung konnte noch eins draufsetzen, wie der in diesem Artikel geschilderte Vorfall zeigt: die zugesagte tägliche Leerung war über die Weihnachtstage unterblieben, folglich auch die Zustellung – der Bote hatte die Festtage in Hamburg verbracht (BZ vom 3. Januar 1888).

Die Marken des Herrn Salvador jr. waren übrigens recht groß und aufwändig-künstlerisch gestaltet. Falls allerdings die Dame auf der Zwei-Pfennig-Marke eine Vierländerin in Vierländer Tracht darstellen sollte, ging dies ziemlich an der Realität vorbei und kann nur mit Freiheit der Kunst erklärt werden.

 

 

 

 

 

BZ, 26. Januar 1888

Gegen Ende Januar 1888 gab die Briefbeförderungsgesellschaft auf, sogar mit Anzeige in der BZ. Wie viele Bergedorfer auf wie vielen Briefmarken sitzenblieben, ist unerforscht. Jedenfalls war es nun vorbei mit der Weltstadtherrlichkeit.

Ob Herr Salvador wirklich in einen Briefzustellungswettbewerb mit der Reichpost treten wollte, ist fraglich. Christoph Ozdoba vermutet, dass der Betreiber „eher philatelistisch als postalisch“ unterwegs war, denn von den am 25. Dezember auf den Markt gebrachten fünf Marken (mit Tierbildern, siehe unten) von zwei bis fünfzehn Pfennig stellte er gezähnte wie auch ungezähnte Exemplare her, zudem ca. einhundert verschiedene Probedrucke – so hatten die Sammler etwas zu tun und Herr S. hatte Einnahmen auch ohne Briefaustragen – das erinnert sehr an Monsieur Moens und seine Drucke der „echten“ Bergedorf-Marken, siehe den Beitrag zu den Originalen, Nachdrucken und Fälschungen.

 

 

 

 

 

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Vom größten Kaufhaus zum größten Leerstand

Bergedorfer Zeitung, 18. Dezember 1908, Ausschnitt aus einer Anzeige

Als es gebaut wurde, war es das größte Haus am Platze – und bis zur Ansiedlung von Einkaufszentren Jahrzehnte später blieb es das auch. Heute herrscht Leerstand in der (Nachfolge-)Immobilie – Strukturwandel.

In den Jahren 1905 und 1906 hatte Johann Biebler in Bergedorfs bester Lage sein Warenhaus errichten lassen. Der Bau sollte Aufsehen erregen, und mit seiner großflächig verglasten Jugendstilfassade tat er das auch. Zusammen mit dem Nachbarhaus summierte sich die Verkaufsfläche auf etwa 3.000 Quadratmeter (BZ vom 22. September 1906), und der „Personenfahrstuhl durch alle Etagen“ war vermutlich der erste seiner Art in ganz Bergedorf.

 

Bergedorfer Zeitung, 18. April 1906

Zum Sortiment gehörten „Leinen- und Baumwollwaren, Div. Bedarfs- und Wirtschaftsartikel, Trikotagen, Wäsche, Kurzwaren und Tapisserien, Papier- und Galanteriewaren, Glas, Porzellan, Luxusartikel“ (BZ vom 22. September 1906), Oberbekleidung für alle Altersgruppen beider Geschlechter (auch maßgearbeitet), Kinderwagen; wer wollte, konnte dort – mit Ausnahme von Öfen und Herden –  alles für die Einrichtung seines Hausstands erwerben, wie die (im Original mehr als eine Dreiviertelseite einnehmende) Anzeige zur Eröffnung in Bergedorf zeigt.

Johann Biebler (1847-1922) hatte sein erstes Geschäft für „Manufacturwaren“ 1878 im benachbarten Sande eröffnet, auch dort in der Großen Straße, „nahe beim Bahnhof“. 1905 belegte er die Häuser Nr. 6, 8 und 10 (Eingang nur Nr. 10), verfügte dort über zehn große Schaufenster auf über 40 Meter Straßenfront, wie es in seinen Anzeigen hieß (BZ vom 18. April und 7. November 1905) – die Häuser 8 und 10 (heute Alte Holstenstraße 45 und 47) stehen noch. Neben Sande hatte er ein weiteres Geschäft an der Lauenburger Chaussee in Schwarzenbek (BZ vom 20. Mai 1905).

Schließlich wurden die Standorte Sande und Schwarzenbek aufgegeben, in Bergedorf wurde 1950 das Kaufhaus von der Firma Hertie übernommen, mehrfach umgebaut und erweitert. Als der Biebler-Bau im Jahre 1958 abbrannte, war die Jugendstilfassade längst dem Zeitgeschmack gewichen, der Neubau erhielt eine „moderne“ Fassade. 1996 übernahm der Karstadt-Konzern, der mit seiner „Kepa“-Filiale am Markt bereits in Bergedorf vertreten war. Ende 2020 war Ende: beide Häuser wurden geschlossen. Zukunft ungewiss, Leerstand vorläufig gesichert.

Zur Entwicklung des Einzelhandels siehe Bardo Metzgers Buch über Handel und Wandel im Sachsentor. Auf seine Ausführungen zum Kaufhaus Biebler (S. 106-114) wurde hier mehrfach Bezug genommen.

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Die von Bergedorf vereinnahmte Autorin

Man schmückt sich gern mit Namen berühmter Menschen. Bergedorf war (auch) im Jahre 1927 von diesem Trieb nicht frei und ehrte die in der Stadt (Brink Nr. 10) geborene Schriftstellerin Ida Boy-Ed mit einer Tafel und einer Straßenbenennung.

Bergedorfer Eisenbahn-Zeitung, 19. April 1852

Anlass dafür war der 75. Geburtstag der am 17. April 1852 geborenen Tochter des Herausgebers der Bergedorfer Eisenbahn-Zeitung, Christoph Marquard Ed und seiner Frau Friederike. Ida Ed verbrachte hier ihre Kindheit bis 1865 – da verlegte der Vater seine Zeitung nach Lübeck, wo sie 1869 Carl Johann Boy heiratete. Wie sich herausstellen sollte, war die Ehe unglücklich: die Kaufmannsfamilie Boy hatte keinen Sinn für die literarischen Ambitionen der jungen Frau, die letztlich doch zu einer erfolgreichen Autorin zahlreicher Romane und Novellen wurde (hierzu z. B. Peter de Mendelssohn).

Nachdem sie Bekanntheit und Anerkennung erworben hatte, wurde sie in der Bergedorfer Zeitung zu ihren runden Geburtstagen mit großen Artikeln bedacht – als Beispiel möge der ganz unten wiedergegebene Artikel von 1912 dienen, der nicht nur ihre Bergedorfer Herkunft betont, sondern auch zeigt, dass Bergedorf und die Vierlande in ihrem Werk durchaus eine Rolle spielten; ihre Weihnachtsbotschaft im Kriegsjahr 1914 wurde bereits im Beitrag Kriegsweihnachten wiedergegeben.

Bergedorfer Zeitung, 16. April 1927

Der seitenlange Bericht zum 75. Geburtstag nahm ihr Verhältnis zu Bergedorf näher unter die Lupe, und demnach war es eher distanziert: als ihre Heimat sah sie Lübeck und nicht ihren Geburtsort. Der Bergedorfer Schlosskalender für 1927 (Jg. 4/1926, S. 83) dagegen meinte, dass ihr „neben der Beiderstädtischen, der Bergedorfer Eigenart, auch die der Hansestadt Lübeck ans Herz gewachsen“ war. Vollends für Bergedorf vereinnahmt wurde Ida -Boy-Ed dann im Nachruf der BZ: „Mit unserem Bergedorf war die große Dichterin und Schriftstellerin durch besondere Bande verknüpft, fester und inniger als mit Lübeck, wo sie ja den größten Teil ihres Lebens zugebracht hat.“ (BZ vom 14. Mai 1928). Die Hoffnung auf die Beisetzung der Verstorbenen in Bergedorf (BZ vom 14. Mai 1928) wurde allerdings enttäuscht – ihre letzte Ruhestätte wurde der Burgtorfriedhof in Lübeck (BZ vom 18. Mai 1928).

War sie eine bedeutende Schriftstellerin? Ernst Alker sieht ihre fiktionalen Texte als „typisch kultivierte Frauenliteratur“, nennt aber immerhin ihre drei Bücher über Frauenschicksale der klassischen Zeit „nicht unbedeutend“. Thomas Mann, der schon als Gymnasiast an ihren Salons teilnahm, bezeichnete sie als seine „vorgeschrittene Meisterin“. Er empfand sich als ihr „Nachkömmling“, wie Peter de Mendelssohn (S. 7) zitiert, und Mann schrieb zu ihrem 75. Geburtstag: „Sie war die erste, die an mich geglaubt hat in Lübeck, der erste Lübecker – soviel ich weiß – der ‚Buddenbrooks‘ nicht abscheulich fand, sondern mich verteidigte.“ (Zitiert bei de Mendelssohn, S. 179)

Wenn sie „in so vielen ihrer Werke ihrer Vaterstadt [also Bergedorf] ein bleibendes Denkmal gesetzt“ hatte, wie die Zeitung im Nachruf schrieb, so war das durchaus zweischneidig, denn in der amüsanten Novelle „Wie aus einem Flügelmann eine Pastorin wurde“ (Erstveröffentlichung 1926 in „Aus alten und neuen Tagen“, abgedruckt auch im Bergedorfer Schlosskalender für 1927 (Nr. 4/1926, S. 84ff.) hatte sie das Städtchen des Jahres 1848 und seine „drolligen politischen Verhältnisse“ feinsinnig bespöttelt …

Bergedorfer Zeitung, 17. April 1912

 

 

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Vom Färben der Ostereier

Das Färben von Eiern hat eine lange Tradition – britische und kanadische Archäologen haben 60.000 Jahre alte Fragmente gefärbter und mit eingeritzten Mustern verzierter Straußeneier in Südafrika (Felsüberhang Spitzkloof A) gefunden, wie auf einer Seite Egg Cetera der Universität Cambridge berichtet wird. Diese Eier wurden vermutlich (und werden, in der Kalahari) als Wasserbehälter benutzt, sind also keine Ostereier im eigentlichen Sinne.

Über das farbliche Verzieren von Eiern in unterschiedlichen Epochen und Religionen findet man bei Wikipedia Informationen: im 12. Jahrhundert begann das Christentum mit der Segnung von Eiern bzw. Osterspeisen.

Bergedorfer Zeitung, 12. April 1912

Die prähistorischen Straußeneier waren auch bestimmt nicht mit Quedlinor-Eierfarben eingefärbt, da diese erst seit dem späten 19. Jahrhundert von Wilhelm Brauns in Quedlinburg hergestellt wurden. In der hier gezeigten Annonce bot er auch Marmorierpapier und Abziehbildchen an, mit denen sich natürlich andere Effekte erzielen ließen als durch schlichtes Kochen zusammen mit Zwiebelschalen. Dekorationsmöglichkeiten gab es also genug, und die Eierpreise waren moderat – knapp zehn Jahre später kostete ein (!) Ei vier Mark (Anzeige in der BZ vom 28. Dezember 1921).

Der Osterhase übrigens, der angeblich die Eier bemalt und versteckt, tauchte erstmals 1682 in der Dissertation Johannes Richiers über „De ovis paschalibus – von Oster-Eyern“ auf.

Eine etwa 1.000 einschlägige Objekte umfassende Sammlung gibt es im 1. deutschen Ostereimuseum in Sonnenbühl. Ein Fabergé-Ei ist nicht darunter.

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Gerüchte und Ehrenerklärungen

BZ, 3. September 1921

Hinter vorgehaltener Hand wird ja so manches gesagt, und solche Vertraulichkeiten sollte man klugerweise nicht weitererzählen, sonst droht eine Strafanzeige wegen übler Nachrede oder gar Verleumdung.

 

BZ, 21. November 1921

Manchmal verbreiten sich Gerüchte über Personen schnell, und manchmal gelingt es auch, den Urheber bzw. die Urheberin außergerichtlich zu ermitteln, was dann zu einem veröffentlichten Eingeständnis und Kosten für die Anzeige führte – hier in sehr schmuckloser (und kostensparender) Form.

BZ, 2. September 1921

BZ, 30. Dezember 1921

Meist erfuhr man nichts über den Inhalt solcher unzutreffenden Behauptungen, was vielleicht dem Schutz des oder der Geschädigten dienen sollte; die hier wiedergegebenen Eingeständnisse machen da Ausnahmen: der beschuldigte Altengammer legte vermutlich Wert darauf, dass die angebliche Straftat genannt wurde und Rudolf Brügmann unter der Überschrift „Ehrenerklärung“ auch sein Bedauern über seine Äußerung ausdrückte. Frau Buhk dagegen wischte en passant ihrem Sohn noch eins aus, denn dessen Schusseligkeit war wohl der Auslöser der Affäre gewesen.

BZ, 16. Dezember 1921

Warum diese Anzeige von den Eltern eines jungen Mädchens ins Blatt gesetzt wurde und nicht von den Urhebern des Gerüchts, bleibt unklar – vielleicht hatte man sich nicht über den Wortlaut einigen können. Jedenfalls war bis Ende 1921 keine Gegenäußerung des spiritistischen Lehrerehepaares zu finden. Eventuell nutzten sie andere Kommunikationswege als die Zeitung.

 

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Bergedorf postalisch 3: Bergedorfs Briefmarken: Originale, Nachdrucke und Fälschungen

Die Zeit der eigenen Bergedorfer Briefmarken währte nur wenige Jahre, von 1861 bis 1867 (siehe den Beitrag Das Postwesen in Bergedorf 2), was diese Frankaturen zu beliebten Objekten der Briefmarkensammler-Leidenschaft machte und auch heute noch macht.

Der Traum eines Sammlers ist es wohl, alle Objekte seines Sammelgebietes zu besitzen. Sammler von Bergedorf-Briefmarken hatten es scheinbar leicht, dieses Ziel zu erreichen, denn es gab gerade einmal fünf Wertstufen. Aber mit diesen Marken war und ist es kompliziert.

Selbst wenn man sowohl ungestempelte Marken als auch gestempelte Marken und Briefe sammelt, reicht das eigentlich nicht, um ein großes Album damit zu füllen, doch weit gefehlt: ganze Bücher wurden von Philatelisten über diese Marken geschrieben (Literaturhinweise am Ende dieses Artikels), von denen Urdrucke, Probedrucke, Neudrucke, Nachdrucke und wohl auch schlicht Fälschungen existieren.

1861 wurden in den fünf Wertstufen 450.000 Marken gedruckt, und erstaunlicherweise wurden 1867, als das Ende nahte, noch einmal 100.000 produziert, die der Bergedorfer Postmeister Franz Paalzow en bloc zusammen mit dem Original-Druckstein an den belgischen Briefmarkenhändler Jean-Baptiste Moens verkaufte. Moens beschränkte sich nicht darauf, die von Paalzow erworbenen Marken zu verkaufen, sondern er ließ auch mehrfach Marken nachdrucken, die er ebenfalls in den Handel brachte.

„1½ Schilling“

„1½ Schillinge“

Bei einem der Werte unterlief dabei ein Missgeschick: eine der Original-Marken hatte die Wertangabe „1½ Schilling“ – auf einem der Nachdrucke stand „1½ Schillinge“.

Die Moens’schen Exemplare waren alle ungummiert, wodurch sie leicht als Nachdrucke zu erkennen waren. Das senkte natürlich den Preis, und so gingen einige Händler dazu über, die Marken nachträglich zu gummieren und manchen Sammler damit zu betuppen.

Auf diese Art wurde das scheinbar einfache Sammelgebiet doch noch zu einem unübersichtlichen, das philatelistischen Gutachtern reichlich Arbeit verschafft. Karl-Heinz Hornhues schreibt dazu (S. 9): „Eine Prüfung vor allem der Bergedorfer Briefmarken, aber auch der Bergedorfer Stempel auf Briefmarken fremder Postverwaltungen ist dringend anzuraten. Auch bei älteren Attesten ist eine erneute Prüfung ratsam, da diese nicht immer den Prüfungsstandards von heute gewachsen sind.“

Man wird davon ausgehen können, dass zwei im vergangenen Jahr versteigerte Briefe mit Bergedorf-Marken ordentlich geprüft worden waren: das Höchstgebot für den einen lag bei 65.000 €, für den anderen bei glatt 100.000 € (BZ vom 7. Oktober 2021). Der Autor dieses Artikels geht davon aus, dass die hier abgebildeten Marken, alle ungeprüft, keine Originale sind.

Beispiele für Bergedorfer Briefmarken

Literaturhinweise:

Zuerst ist hier der Internetauftritt des Briefmarkensammler-Vereins für Bergedorf und Umgebung von 1911 e.V. zu nennen, der u.a. die Festschrift zum 100. Vereinsjubiläum enthält. Interessant auch eine Schweizer Darstellung mit Abbildungen von Originalen, einem Einführungstext und einer Abhandlung zu den Moens’schen Drucken.

Karl Knauer schilderte zum 50. Jubiläum des Bergedorfer Vereins umfassend die Bergedorfer Postgeschichte – leider nur mit schwarz-weiß-Abbildungen. Zahlreiche farbige Abbildungen sind bei Karl-Heinz Hornhues zu finden.

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Schwarz-weiß-rot: das deutsche Reichshuhn

Bergedorfer Zeitung, 9. Dezember 1921

Huhn ist nicht gleich Huhn – das wussten auch die Geesthachter Geflügelzüchter, die sich in einem neu gegründeten Verein zusammengeschlossen hatten, um „das Verständnis für die Rassegeflügelzucht [zu] fördern“ sowie Bruteier und Futter zu beschaffen. (Gleichartige Vereine gab es schon lange in Bergedorf und den Vierlanden.)

Hühner sehen nicht nur unterschiedlich aus, sie erbringen dem Halter auch unterschiedliche Leistungen: manche Rassen legen mehr Eier als andere, manche werden vor allem wegen des Fleisches gehalten, und dann gibt es noch die Doppelnutzungsrassen, in denen gute Lege- und Mastleistung vereint sind.

Bergedorfer Zeitung, 10. Dezember 1921

Zu diesen Doppelnutzungsrassen zählt das Deutsche Reichshuhn, das 1921 in Geesthacht eingeführt werden sollte. Das sollte aber keine politische Demonstration sein: es trug zwar die Farben des Kaiserreichs (roter Kamm und Halsbehang sowie weiß-schwarzes Gefieder) und es war im späten 19. Jahrhundert gezielt als „Deutsches Nationalhuhn“ aus ausländischen Rassen herangezüchtet worden, wie auf einer Internetseite zur Hühnerhaltung zu lesen, doch den Ausschlag für die Haltung des Reichshuhns in Geesthacht dürften seine Leistungsmerkmale gegeben haben.

Bergedorfer Zeitung, 4. November 1922

Ob unter den in Bergedorf ausgestellten 516 Vögeln Reichshühner vertreten waren, ist unbekannt; die BZ berichtete nur summarisch, dass 71 Ehrenpreise für Großgeflügel (also einschließlich Enten, Gänsen und Puten) sowie 39 für Tauben vergeben wurden (BZ vom 2. Dezember 1922). Über die etwas kleinere Ausstellung in Kirchwärder mit 454 befiederten Exemplaren war zu erfahren, dass die ausgezeichneten Hühnerhalter 23 Rassen präsentierten – Reichshühner waren nicht darunter.

Das Deutsche Reichshuhn gilt laut einer Datenbank der Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung zufolge heute als „stark gefährdet“, aber es hat das Reich überdauert. Ein Deutsches Bundeshuhn als quasi-Nachfolger ist nicht bekannt.

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