Die geplatzte Bürgermeisterwahl

Bergedorfer Zeitung, 9. Juli 1919

Es war nicht das heute gelegentlich zu beobachtende politische Sommertheater in der Saure-Gurken-Zeit – es ging immerhin um die Wahl des Bürgermeisters der Stadt Bergedorf.

Seit dem Wechsel von Dr. Walli nach Hamburg (siehe den Beitrag Walli macht Karriere) hatte der besoldete Ratmann Wilhelm Wiesner (SPD) kommissarisch das Bürgermeisteramt wahrgenommen. Die SPD-Fraktion in der Stadtvertretung wollte das Provisorium nun durch die Wahl Wiesners zum Bürgermeister und die Erweiterung des Magistrats beenden – doch sie stieß auf Widerstand.

Zwar wurden Anträge auf Vertagung bzw. Überweisung (siehe den Beitrag zur Eingemeindung)  abgelehnt, aber dann verließen die Vertreter der Bürgerlichen und der USPD den Sitzungssaal und somit war das Anwesenheitsquorum von zwei Dritteln unterschritten: die Sitzung war geplatzt, die Wahl fiel aus.

Der Berichterstatter erwartete, dass es bald zu einer neuen Sitzung kommen würde: sie „dürfte vielleicht“ Klarheit bringen – allzu hohe Erwartungen hegte er also nicht.

In der Tat folgte die nächste Sitzung zügig: Ratmann Wiesner berief sie für den 15. Juli ein und wies vorsorglich darauf hin, dass bei erneuter Beschlussunfähigkeit eine dritte Sitzung folgen werde, in der das Erscheinen der Mehrheit ausreiche (Bekanntmachung in der BZ vom 11. Juli).

Bergedorfer Zeitung, 16. Juli 1919 (Auszug)

 

Die Schlagzeile des Berichts über die zweite Sitzung lautete: „Die Bürgermeisterwahl vertagt“ (BZ vom 16. Juli), und im Verlauf der Sitzung wurde auch klar, worum sich der Streit zwischen der SPD und den anderen Fraktionen drehte: die SPD wollte ihre Mehrheit im Magistrat sichern, die anderen wollten genau dies verhindern. Nach längerer Debatte wurde mit Hilfe der Stichstimme des Vorsitzenden (Ratmann Bauer) beschlossen, einen Ausschuss einzusetzen, der sich mit der Bürgermeisterwahl und der Sitzverteilung im Magistrat befassen sollte.

Das war natürlich nicht im Sinne der SPD – sie wollte dann zumindest die sofortige Wahl der Ausschussmitglieder, doch die Nicht-Sozialdemokraten spielten auf Zeit und lehnten den SPD-Antrag ab. Erst im September (BZ vom 10. September) wurden die Ausschussmitglieder bestimmt – vorerst blieb alles, wie es war.

Also doch Sommertheater?

 

 

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