Walli macht Karriere – Bergedorfs Bürgermeister geht

Bergedorfer Zeitung, 22. Mai 1919

Für die Hamburger war es wichtiger, dass die Bürgerschaft durch die „Aufhebung der zweiten Wagenklasse“ die klassenlose Hochbahn schuf – für die Bergedorfer war es die Beförderung ihres bisherigen Bürgermeisters Dr. Paul Walli zum Senatssyndikus. Schon vorher hatte er Abwanderungsgelüste gezeigt, wie im Beitrag Walli will weg zu lesen: damals hatte man ihn mit Geld und sicher auch guten Worten zum Bleiben bewegen können, aber er engagierte sich zunehmend auch auf Landesebene und wurde 1917 zum Bürgerschaftsabgeordneten gewählt (siehe den Beitrag Bürgermeister Walli geht fremd). Bei der Bürgerschaftswahl 1919 war er (als Kandidat der DDP) wieder erfolgreich – nun wechselte er von der Parlamentsseite des Rathauses auf die Seite der Exekutive. Die Bürgerschaft musste zustimmen, weil Walli Wert darauf legte, dass seine Bergedorfer Pensionsansprüche vom Staat Hamburg übernommen würden (BZ vom 19. Mai 1919).

Angesichts der Mehrheiten im Bergedorfer Stadtparlament hätte man erwarten können, dass es nun sehr zügig zur Wahl eines Walli-Nachfolgers aus den Reihen der SPD gekommen wäre, aber es trat eine Art von Schwebezustand ein: nicht nur wegen seiner hohen Verschuldung, sondern auch wegen der die Entwicklung hemmenden Kompetenzen der Landherrenschaft hatten Magistrat und Bürgervertretung noch während des Krieges die Eingemeindung der Stadt Bergedorf beantragt. Mit der Eingemeindung wäre dann das Amt des Bürgermeisters ebenso entfallen wie der Magistrat und die Bürgervertretung, Bergedorf wäre ein aus der Zentrale des Stadtstaats verwalteter „Vorort“ Hamburgs geworden.

Der Antrag überdauerte den Krieg und die Revolution: die Finanzdeputation (heute: Finanzbehörde) stimmte ihm zu (BZ vom 1. März 1919), ebenso sprach sich Hamburgs Zweiter Bürgermeister Otto Stolten in einer öffentlichen SPD-Versammlung in Bergedorf dafür aus (BZ vom 8. April 1919) – doch nun regte sich dagegen plötzlich Widerstand, und so landete das Problem auf einer  längeren Bank, worüber noch zu berichten sein wird.

Vorerst (ab dem 1. Juni) wurde das Bürgermeisteramt entsprechend dem Ortsstatut stellvertretend durch den besoldeten Ratmann Wilhelm Wiesner (SPD) wahrgenommen (BZ vom 4. Juni 1919).

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