Die Bekleidungsfrage geklärt: 40 Millionen Meter Stoff für die Zivilbevölkerung

Bergedorfer Zeitung, 27. Juli 1918

In diesen Wochen verging kaum ein Tag, an dem die BZ nicht die „Bekleidungsfrage“ thematisierte. Dabei ging es nicht um Mode, sondern schlicht um die allernotwendigsten Textilien, wie zuletzt in den Beiträgen Für Bettwäsche keine Bezugsscheine mehr und Die „freiwillige“ Anzugabgabe aufgezeigt wurde: nun sollte Kleidung aus echtem Stoff (von Sonnenvorhängen etc.) statt aus Papiergarngewebe hergestellt werden, Papiergewebe sollte die abgenommenen Stoffvorhänge in Behörden, Schulen usw. ersetzen, und die Menschen sollten in umgearbeiteten Vorhängen herumlaufen. Vielleicht war das sogar besser als Papieranzüge oder -kleider.

Bergedorfer Zeitung, 31. Juli 1918

Neben dieser Not- und Mangelwirtschaft gab es aber auch die „feine“ Schneiderei, die z.B. das Kaufhaus Hermann Kröger, Zollenspieker, in diesen Tagen wieder aufnahm. Der Herren- und Damenschneider C. Speer, Holtenklinke, bot neben „Modernisieren und Kehren“ auch Neuanfertigungen an (BZ vom 27. Juli): wenn man Stoff hatte, der nicht der Beschlagnahme unterlag, war damit gutes Geld zu verdienen: der Preis für einen bürgerlichen Herrenanzug vom Schneider hatte „im Frieden“ bei 100 Mark gelegen – jetzt war er auf bis zu 1.000 Mark gestiegen (BZ vom 24. Juli).

Bergedorfer Zeitung, 26. Juli 1918

Wie arg die „Bekleidungsfrage“ drückte, lässt sich gut aus einem Leitartikel der Bergedorfer Zeitung ablesen: üblicherweise befassten sich die Leitartikel mit hoher (Kriegs-)Politik, aber der Leitartikel vom 26. Juli behandelte dieses Alltagsproblem: natürlich wurde die Heeresverwaltung dafür gelobt, dass sie die Ausstattung der Soldaten sicherstellte, selbst wenn der Krieg noch Jahre dauern würde, die für die textile Versorgung der Zivilbevölkerung maßgeblichen Stellen hingegen hätten versagt, weil sie von einer kurzen Kriegsdauer ausgegangen wären.

Diese Argumentation muss auch bei damaligen Leserinnen und Lesern heftiges Stirnrunzeln verursacht haben: der Glaube an den schnellen Sieg war 1914 allgemein verbreitet (Vgl. Herfried Münkler, S. 266 und 290), und deshalb fehlte es ja schon im Herbst 1914 an warmer Kleidung für die Soldaten, die durch diverse Sammelaktionen (siehe z.B. die Beiträge Warme Unterkleidung …, Liebesgaben und Feldpost und Kriegsversicherung und -strumpf) der Zivilbevölkerung ausgestattet werden mussten.

Bemerkenswert ist der Artikel auch deshalb, weil der Autor davor warnt, auf baldige Verbesserung der Lage nach Kriegsende zu zu hoffen, denn mit Lieferungen aus „den Ländern der Angelsachsen“ sei nicht sofort zu rechnen, doch die „Zellulonfaser aus Holz“ könne eine große Zukunft haben. So oder so sei das Vorkriegs-Preisniveau passé.

 

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