„Die Nihilitexplosion“ im Gasthof zum Zollenspieker

Bergedorfer Zeitung, 21. März 1918

Der Titel des Films, den Hermann Kröger im Gasthof zum Zollenspieker vorführte, lässt stutzen: Nihilit? Sollte dieses Nihilit eine Weiterentwicklung des u.a. in Krümmel hergestellten Dynamits mit noch vernichtenderer Sprengwirkung gewesen sein? Oder bestand eine Beziehung zum Nihilismus?

Wenn das Wort Nihilit auch in keiner Enzyklopädie jener Jahre zu finden war, so hatte es in die Literatur doch längst Einzug gehalten. Derselbe Autor schrieb ihm in zwei verschiedenen fiktionalen Werken sehr verschiedene Eigenschaften zu – dieser (Emil) Robert Kraft muss als der (literarische) Erfinder der Substanz angesehen werden: in dem 1901 veröffentlichten Groschenroman „Die Weltallschiffer“ war Nihilit der Name für den fünften Aggregatzustand von Wasser: wenn man ein mit Wasser befeuchtetes Tuch der Weltraumkälte aussetzte, war es hinterher unsichtbar und machte z.B. auch eine unter dem Tuch liegende Hand unsichtbar, entfaltete also eine tarnkappenähnliche Wirkung, war aber nicht explosiv. In Krafts „Die Nihilit-Expedition“ von 1908/09 war das Nihilit eine metallische Substanz, zu finden nur in einer australischen Wüste, härter als jedes andere Metall oder Diamant, aber explosiv war es genauso wenig. (Wenn man diese beiden Schriften Krafts gelesen hat, versteht man die Aversion der Deutschen Dichter-Gedächtnis-Stiftung gegen diese Art Hefte bzw. Bücher). Dass Nihilit explodieren kann (aber nicht muss), entdeckte Kurt Kusenberg in seiner Kurzgeschichte „Nihilit“, die er aber erst nach dem Zweiten Weltkrieg schrieb.

Ob Kusenberg als Jugendlicher diese dänische „Nihilitexplosion“ gesehen hat, ist unbekannt. Über den Film war wenig herauszufinden – in einer Film-Datenbank der Universität Köln findet sich die sehr konzise Zusammenfassung der Handlung mit den Worten „Erfinder wird bestohlen. Der Dieb kommt um“, auch der Hinweis, dass der Film nicht jugendfrei war. Eine Recherche beim Dänischen Filminstitut führte ins Nichts: die in der Anzeige genannten Hauptdarsteller sind in der dortigen Datenbank zwar mit Filmographie verzeichnet – nicht aber der Film (siehe z.B. die Seite zu Waldemar Psilander). War da Nihilit am Werke?

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