Plakatierte Propaganda: „Gegen England“

Bergedorfer Zeitung, 27. März 1918

Der Sinn der „Gegen England“ gerichteten Plakatkampagne mit kostenloser Abgabe  erschließt sich erst aus dem Text des bei der Hamburger Kunstdruckerei Mühlmeister & Johler hergestellten Blattes (Link zur Abbildung – die Vergrößerung benötigt eine lange Ladezeit), das nur den Vers eines ansonsten eher unbekannten Poeten namens Fritz v. Briesen wiedergab:

 

Gegen England
Der Brite sucht, im off’nen Kampf geschlagen,
Bezahlte Zwietracht uns ins Land zu tragen.
So zeigt dem Weltverführer es aufs neue:
Die stärkste Macht der Welt ist Deutsche Treue!
Fritz v. Briesen

Na, dann war ja eigentlich alles gut: England hatte man besiegt, und seinem Versuch, durch bezahlte Agenten die Deutschen zu spalten, sollte die Deutsche Treue den Weg versperren. Doch das war schiere Propaganda, die da in Bergedorfs Straßenbild einziehen sollte:

„Der Brite … im Kampf geschlagen“ – das deutsche Heer hatte bei der Frühjahrsoffensive 1918 im Westen durchaus Geländegewinne zu verzeichnen und „an der ‚Heimatfront‘ entstand der fatale Eindruck, Deutschland stehe kurz vor dem Sieg, während es tatsächlich immer näher an den Rand der Niederlage heranrückte.“ (Herfried Münkler, S. 701) Die reale Lage wurde der Bevölkerung verborgen, denn die Zeitungen durften nur die offiziellen Verlautbarungen aus dem „Großen Hauptquartier“ und andere offiziöse Texte drucken, und die sollten die Siegesgewissheit stärken, ebenso der nun plakatierte Vers – aber geschlagen war „der Brite“ eben nicht.

Bergedorfer Zeitung, 11. März 1918

„Bezahlte Zwietracht“ – das passt zu den vier Anzeigen, die der stellvertretende kommandierende General v. Falk zwischen Februar und April in die Zeitungen setzen ließ: er wusste „von englischer oder amerikanischer Seite besoldete Agenten“ (BZ vom 18. Februar 1918) am Werk, deren Ziel die „Aufhetzung der Arbeiterschaft zum Streik, namentlich … Verteilung von Flugblättern“ war – in einer der Anzeigen hieß es „zum Streik oder zur Revolution“ (BZ vom 6. März 1918). V. Falk reagierte damit auf die massiven Streiks auf den Hamburger Werften im Januar 1918 (siehe hierzu Volker Ullrich), in deren Folge er alle Werftarbeiter (vorübergehend) unter Militärrecht stellte und vor eigens geschaffenen „Kriegszustandsgerichten“ 52 Angeklagte zu hohen Zuchthaus- und Gefängnisstrafen verurteilen ließ (siehe auch BZ vom 4. März 1918). Die ausgesetzte Belohnung von zuletzt 36.000 Mark (BZ vom 23. April 1918) musste er wohl nicht auszahlen – sonst hätte es sicher eine diesbezügliche Erfolgsmeldung gegeben. War der Unmut unter den Werftarbeitern so groß, dass es keiner Intervention von außen und keiner Bezahlung bedurft hatte?

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