Dichter-Abende zur Erholung

Bergedorfer Zeitung, 24. Januar 1918

Gleich eine ganze Veranstaltungsfolge der „Deutschen Dichter-Gedächtnis-Stiftung“ kündigte die Zeitung hier an: Texte von Hermann Löns, Balladen und Niederdeutsches sollten an drei Abenden präsentiert werden.

Die 1901 gegründete (und 1930 in Konkurs gegangene) Stiftung ist heute nahezu vergessen – in ihrer Zeit spielte sie eine wichtige Rolle im Volksbildungswesen, wie Marcel Müller in seiner ausführlichen Studie schreibt: ihr Hauptziel war es, eher bildungsferne Schichten von Groschenromanen weg- und an gute Literatur heranzuführen. Dazu versorgte sie unterfinanzierte gebührenfreie Bibliotheken mit preisgünstigen Büchern – eventuell gehörte die Sander Volksbibliothek zu den Empfängern, die Bergedorfer Bücherhalle wohl nicht, da sie Leihgebühren erhob. Die Bücher stammten aus günstig erworbenen Restauflagen oder aus dem eigenen Verlag der Stiftung; zumeist handelte es sich dabei um urheberrechtsfreie erzählerische Werke – bei Eingabe des Suchbegriffs „Deutsche Dichter-Gedächtnis-Stiftung“ auf der Startseite des beluga-Katalogs der Staats- und Universitätsbibliothek Hamburg stößt man auf eine nahezu vollständige Sammlung der 159 im Verlag der Stiftung erschienenen Bände.

Laut Hamburger Adressbuch 1915 war die Stiftung im Hamburger Vorort Groß-Borstel, Woltersstraße 30/32, ansässig, also im Bürgerschaftswahlkreis des Bergedorfer Bürgermeisters Dr. Walli. Ob es Walli war, der diese Stiftungsaktivität veranlasste, muss offenbleiben – der Gründer der Stiftung, Ernst Schultze,  war Bibliothekar (1901-1903) der Hamburger öffentlichen Bücherhalle und später Rektor der Handelshochschule Leipzig, und er wohnte damals ebenfalls in Groß-Borstel (Violastraße 16, heute Köppenstraße).

Allein die „Kriegsbuchabteilung“ verteilte laut Müller 700.000 Exemplare; die im Artikel genannte Zahl von vier Millionen ausgegebenen Büchern wird die erwähnten Restauflagen und Koproduktionen einschließen.

Bergedorfer Zeitung, 28. Januar 1918

Die Veranstaltungen in Bergedorf kamen letztlich nicht zustande: schon wenige Tage nach der Ankündigung wurden sie wegen nicht spezifizierter „technischer Schwierigkeiten“ abgesagt.

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