Konflikte in Boberg

Bergedorfer Zeitung, 15. Februar 1918

Warum Karl Tadey nicht wieder als Gemeindevorsteher Bobergs kandidieren wollte, schrieb die BZ nicht – aber die Aufgaben eines ehrenamtlichen Gemeindevorstehers waren durch die Lebensmittel-, Bezugsschein-, Bestandserhebungs- und Beschlagnahme-Bürokratie der Kriegszeit erheblich gewachsen, und vielleicht war es ihm einfach zuviel geworden.

Jedenfalls gab es einen „hitzigen Kampf“ um seine Nachfolge: der Landmann Ruhkopf und der Oberdeckoffizier Haupt waren die Bewerber, und sie vertraten unterschiedliche Bevölkerungskreise und Interessen, wenn man dem durchaus tendenziösen Bericht trauen darf: Ruhkopf für die Landwirte, Haupt für die „Allgemein-Interessen“: er wollte „den Ort hochbringen“. Der Wahlsieger hieß Haupt.

Man darf vermuten, dass dieser Konflikt die Entwicklung des kleinen Dörfchens – das Bergedorfer Adressbuch 1912 verzeichnete gerade einmal 148 Einträge – reflektiert: zu den wenigen Hufnern und den vielen Handwerkern und Arbeitern hatte sich eine Mittelschicht gesellt, die ihren Kandidaten Haupt in der Wahl durchsetzte (BZ vom 18. Februar 1918).

Hinter der Kandidatur Haupts dürfte der Bürgerverein gesteckt haben, wie aus anderen Artikeln zu schließen ist: dieser Verein beschaffte Nahrungsmittel, wie bereits im Beitrag Die Hundstagsente im Boberger Mühlenteich zu lesen war, und die angekündigte Genossenschaft zum Bezug von Waren wurde im März vom Amtsgericht Reinbek genehmigt (BZ vom 15. März 1918). Aus diesen Aktivitäten kann man folgern, dass größere Versorgungsprobleme existierten, die für den Landwirt und Selbstversorger Tadey nicht die höchste Priorität hatten – ob allerdings die Erhöhung der Fleischration von 100 g auf 250 g, die kurz nach der Wahl Haupts bekanntgemacht wurde (BZ vom 26. Februar 1918), auf das Wirken des neuen Vorstehers zurückzuführen war, muss offenbleiben.

Bergedorfer Zeitung, 18. März 1918

Die Machtverhältnisse in Boberg waren damit aber nicht geklärt, wie sich bei den Ergänzungswahlen zur Gemeindevertretung (mit „sehr reger“ Beteiligung) im März zeigte: das preußische Dreiklassenwahlrecht brachte per Kampfkandidatur in der I. Klasse Tadey und in der II. Klasse Ruhkopf den Erfolg, und diese beiden werden Haupt sein Amt nicht leicht gemacht haben.

Man sieht: eine Gemeinde muss gar nicht groß sein, um Streit und Konflikte zu haben – Interessenunterschiede genügen.

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