Was 1923 ein Aprilscherz gewesen war, wurde 1926 offizielle Bergedorfer Politik: die „bunte Stadt“. Das Konzept hatte Bruno Taut für Magdeburg entwickelt (siehe den Artikel Buntes Bergedorf), und nun bekannte sich der Rat der Stadt Bergedorf offiziell zu einem farbenfrohen Stadtbild und lud zu einem Werbevortrag ein.
Der behördliche Referent Dr. Hellweg war zugleich Lobbyist: er war Vorsitzender des „Bundes zur Förderung der Farbe im Stadtbild“, und er stellte „dem früheren grauen, einförmigen Anstrich [von Häusern] die jetzige ansprechende bunte Farbe gegenüber“ – welche Lichtbild-Beispiele er dafür aus Bergedorf zeigte, ist nicht bekannt. Hellweg warnte aber auch: damit nicht „bunte Disharmonie“, sondern „farbenfreudige Harmonie“ entstehe, sei eine Regelung „auf dem Verordnungswege“ erforderlich“. Er erhielt für seinen Vortrag „lebhaften Beifall“, und Bürgermeister Wiesner hoffte, dass man Erfolg haben werde (BZ vom 23. April).
Ob Hellweg in seiner Präsentation schon das im Bau befindliche Bergedorfer Rathaus zeigen konnte, ist nicht belegt – vielleicht war das Farbkonzept schon früher entstanden, vielleicht aber kam es erst später: Karl Schneider, der Sieger des ursprünglichen Wettbewerbs für das Rathaus war ein renommierter Vorkämpfer des modernen farbigen Bauens (siehe Farbe in der Architektur: Karl Schneider in Hamburg), doch welche Farbgestaltung sein nicht realisierter Entwurf erhalten sollte, ist unbekannt, nicht einmal die Pläne sind noch vorhanden.
Gebaut wurde von Wilhelm Krüger und Georg Lindner. Diese wollten wohl ursprünglich eine Klinkerfassade, mussten sich aus Kostengründen aber umentscheiden: „Weinroter Kratzputz (kein Anstrich) in der Fläche, grüngrauer Dolomit an den Gesimsen und den Gewänden der Fenster, schwarzgrauer Basalt an der Sockelfläche, steinmetzmäßig bearbeitet“, so beschrieb 1927 Lindner zur Einweihung 1927 die farbliche Gestaltung, die sich deutlich vom „Üblichen“ unterschied (BZ vom 12. März 1927, Sonderbeilage): waren die Farben eine späte Notlösung oder die farbliche Wunschlösung?
Das Thema Farbe jedenfalls beschäftigt Stadtplaner und Architekten bis in die Gegenwart, wie eine Veröffentlichung der Stiftung Lebendige Stadt über Stadtfarben zeigt.



