Der verzögerte Kleinwohnungsbau an der Brunnenstraße

Bergedorfer Zeitung, 10. Mai 1919

Es sollte ein Pilotprojekt werden: erstmals (abgesehen von Dienstwohnungen) sollten in Bergedorf städtische Wohnungen geschaffen werden, um die Wohnungsnot zu bekämpfen: 66 Kleinwohnungen sollten auf städtischem Grund geschaffen werden, wofür ein mit 3.000 Mark dotierter Wettbewerb ausgelobt worden war, an dem sich vier Bergedorfer Architekten beteiligten: Hermann Distel (u.a. Architekt des Pastorats der St.Petri und Pauli-Kirche (1913) und von Kleinwohnungshäusern neben dem Bahnhof Geesthacht (1917)), Hermann Schomburgk (u.a. Architekt des Bahnhofs Bergedorf-Süd (1906, 1912) und Bruno Wieck (Architekt v.a. von Häusern im Villenviertel) – verschiedene ihrer Bauten sind in der Denkmalliste verzeichnet. Bei dem vierten Teilnehmer wird es sich um Otto Ehlers gehandelt haben, der im Bergedorfer Adressbuch 1915 verzeichnet ist, in der Denkmalliste aber nicht auftaucht. Auch die Finanzierung über einen Zuschuss des Reichs und des Staates Hamburg sowie eine Anleihe schien gesichert (BZ vom 1. März 1919).

Nun also lagen die Entwürfe für die Bauten an der Brunnenstraße öffentlich aus, und die BZ versuchte sich an einer Beschreibung der Pläne, was ihr nur weitgehend nachvollziehbar gelang – ihre Bevorzugung des Distelschen Entwurfs brachte sie aber klar und deutlich zum Ausdruck, wobei sie den Mehraufwand, den die von Distel vorgeschlagene aufgelockerte Bauform verursachen würde, als „unerheblich“ bezeichnete.

Realisiert wurde keiner der Entwürfe, wie man an der heutigen Holtenklinker Straße 111 – 129 feststellen kann. Zunächst unterblieb dort jeglicher Bau: die veranschlagten Kosten waren von 1,25 Millionen auf 2 Millionen Mark gestiegen (BZ vom 29. August), zudem mangelte es an Baumaterial und die erwarteten Zuschüsse wurden nicht gewährt (BZ vom 4. Oktober). Das Ensemble wurde 1924 – 1931 errichtet, aber nicht nach den Plänen des Wettbewerbs: in der Denkmaltopographie Bergedorf-Lohbrügge (S. 129) heißt es, dass das Bergedorfer Stadtbauamt die Pläne fertigte, als geschlossene Bebauung, ohne Distels Bogengänge „mit Durchblicken auf den bewaldeten Abhang des Gojenberges“ – der einzige gebaute Bogengang in diesem Bereich (zwischen Nr. 113 und 115) liegt rechtwinklig zum Geesthang und ermöglicht primär den Blick auf die Rückseite der Häuser.

Für Hintergrundinformationen und Auskünfte bin ich dem Bergedorfer Denkmal-Gutachter Dr. Geerd Dahms sehr dankbar.

Dieser Beitrag wurde unter Bergedorf 1919 veröffentlicht. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.