Kreativer Umgang mit Höchstpreisen

An vielen Dingen des täglichen Bedarfs herrschte durch Höchstpreise und Rationierung regulierter Mangel – und Mangelwirtschaft führt in der Regel zur Suche nach kreativen Lösungen, nach Lücken in den Vorschriften, die genau diese Kreativität unterbinden wollen, woraus dann wieder Änderungen an den Vorschriften folgen, wie schon im Beitrag Brot ohne Gips gezeigt wurde. Hier nun geht es um Kartoffeln und Butter.

Bergedorfer Zeitung, 31. Oktober 1916

Bergedorfer Zeitung, 31. Oktober 1916

Die Kartoffelhöchstpreise werden nicht nachträglich erhöht, verkündete der Präsident des Kriegsernährungsamtes, v. Batocki im Reichstag, also mache es für die Erzeuger keinen Sinn, Ware zurückzubehalten, meldete die BZ am 28. Oktober 1916. Das Schlupfloch: Höchstpreise galten aber nur für Speisekartoffeln, nicht für Saatkartoffeln, und abgesehen davon, dass man als Saatkartoffeln in der Regel kleinere Knollen nimmt, sind die einen nicht von den anderen zu unterscheiden. Wenn also ein Bauer oder ein Händler die Erdfrüchte über dem Höchstpreis verkaufen wollte, musste er sie nur als Saatkartoffeln deklarieren. Zahlungskräftige Kundschaft, die ihre Ration aufbessern wollte, gab es sicher genug, doch zum Ärger der Beteiligten hatte das Kriegsernährungsamt die „Schiebungen“ erkannt und folglich den Handel mit Saatkartoffeln temporär unterbunden, was auch beim „Verein der Gemüsegärtner von Ochsenwärder und Umgegend“ zu Unmut führte (siehe ebenfalls BZ vom 31. Oktober 1916).

Bergedorfer Zeitung, 5. Oktober 1916

Bergedorfer Zeitung, 5. Oktober 1916

Ebenso fand man bei der Butter Wege, das Höchstpreissystem zu umgehen: findige Händler erklärten geringere Sorten zu „Tafelbutter“ (zu Buttersorten siehe z.B. Bayerisches Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit) und erzielten damit einen Zusatzgewinn, auch gab es Kunden, die Zuschläge für Lieferung ins Haus zahlten, doch beides war unzulässig, wie der stellvertretende kommandierende General des 9. Armeekorps laut BZ vom 8. November 1915 bekanntgab. Das setzte wieder neue Kreativität frei: ranzige Butter wurde teurer gehandelt als genießbare, denn für verdorbene Butter gab es keinen Höchstpreis. Auf den ersten Blick ist das Preis-/Leistungsverhältnis nicht zu verstehen, aber aus ranziger Butter konnte (und kann) man leicht Butterschmalz herstellen oder sie durch Aufschlagen mit Milch in gute Butter zurückverwandeln (siehe z.B. eine Anleitung von 1840), doch auch dieser Weg wurde nun per Verordnung gesperrt.

Also waren wieder die kreativen Köpfe gefragt. Wir werden ihnen im Blog begegnen – aber was einerseits amüsant erscheint, heißt andererseits, dass andere, die weniger Geld hatten, um so mehr Mangel litten, was den Zahlungskräftigen wie den Geschäftemachern aber ziemlich egal war.

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