Straßenpflaster – und: Pferd zieht Auto

Bergedorfer Zeitung, 10. September 1920

Das sollte die Straßenverkehrsverhältnisse gewaltig verändern: der Neuengammer Hausdeich erhielt eine Pflasterung. Damit war das Ende der Spurrillen, die sich tief in den bestenfalls mit Schlacke befestigten Untergrund einfrästen, absehbar, und in Schlechtwetterperioden konnten dann auch vollbeladene Pferdewagen ungehindert vorankommen.  Und nicht nur in Neuengamme, sondern auch in Kirchwärder (Süderquerweg, Kirchwärder Landweg), Altengamme (Horster Damm) und Curslack (Hausdeich) gingen Steinsetzer an die Arbeit, ebenso in den Marschlanden, wie in verschiedenen Meldungen bzw. Bekanntmachungen 1919/1920 zu lesen war. Die Fahrbahnbreite war mit in der Regel 4 bzw. 4,50 Meter nicht üppig bemessen.

Unbefestigt blieben aber die Deiche an der Stromelbe, und vermutlich bezog sich das von der Neuengammer Gemeindevertretung geforderte Verbot von Automobilen auf den Elbdeich. Ob die zuständige Behörde dem Ersuchen Folge leistete, war der BZ 1920 nicht zu entnehmen.

Brücke von Neuengamme nach Curslack, vor 1915

Man tat sich in den Vierlanden aber schwer, die „neuen“ Kraftwagen zu akzeptieren, was auch durchaus gute Gründe hatte: die Brücken über die Gose- und Dove-Elbe waren traditionelle hölzerne Klappbrücken aus der Zeit vor Beginn der Motorisierung; sie waren nicht für die Schwingungen ausgelegt, die ein Auto verursachte.

 

Die folgende Geschichte ist eigentlich zu schön um wahr zu sein, aber es gibt ein fotografisches Dokument dazu:

August Wobbe mit Auto, Knecht und Zugpferd (Archiv Familie Albers)

In seiner Chronik der Albers Schipper (S. 21) berichtet Jürgen Albers, dass der erste Motorwagen im Landgebiet 1911 von August Wobbe angeschafft wurde. Die zuständige Behörde reagierte prompt und erließ ein Fahrverbot für Autos auf den unbefestigten Deichen und (wegen der Schwingungen) auf den Holzbrücken.

August Wobbe wäre kein Vierländer gewesen, wenn er nicht einen Ausweg gefunden hätte: vor den Brücken wurde einfach ein Pferd vorgespannt, das das Auto hinüberzog.

(Die Abbildung von „Pferd und Wagen“ ist auch in dem Buch von Achim Sperber über die Vier- und Marschlande (S. 25) enthalten.)

 

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