Die Störung einer Sedanfeier – zur Klärung der Machtfrage?

Bergedorfer Zeitung, 1. September 1920

Bergedorfer Zeitung, 3. September 1920

Sehr vereinfacht gesagt: die Deutsche Volkspartei (DVP) war die Partei des konservativen Bürgertums, das der Zeit von Kaiser und nationaler Größe nachtrauerte, und deshalb veranstaltete die DVP in Bergedorfs feinstem Haus, dem Hotel Bellevue, eine „Sedanfeier“ – aber dies stieß auf massiven Protest in der Arbeiterschaft. Ob der Protest im Wesentlichen friedlich verlief – da unterschieden sich die Geister bzw. die Berichte.

Der BZ nach wurde die (geschlossene) Veranstaltung mit dem Reichstagsabgeordneten Dr. Piper abgebrochen, als man vom Herannahen „eines größeren Trupps Menschen“ erfuhr. Dieser Trupp wurde von der Polizei vor dem Lokal aufgehalten und nur eine Kommission eingelassen, die sich überzeugen sollte, dass keine „größere Feier mit Festessen und Tanz“ stattfand. Das schien alles friedlich zu verlaufen, bis eine weitere und größere Gruppe von Demonstranten in das Lokal eindrang. Ein Teil dieser Gruppe zerschlug dort Teile des Mobiliars, während andere „mehrere Flaschen Wein“ aus dem Keller stibitzten. Diese zweite Gruppe scheint überwiegend aus „jugendlichen Heißspornen“ bestanden zu haben, die von „Frauen und älteren Personen“ schließlich bewogen wurden abzuziehen. Der Wirt beklagte einen Schaden von etwa 20.000 Mark: ein beachtlicher Schaden, die Polizei nahm Ermittlungen auf, Rädelsführer wurden vernommen.

Anders die Darstellung von Hannes Piehl, der damals der Sozialistischen Arbeiterjugend (SAJ) angehörte und sich gut sechzig Jahre später erinnerte: „Da war dann wieder so eine Demonstration. Wir sammelten uns diesmal auf dem Frascati-Platz. Wir waren wohl so an die 1.000 Demonstranten. …. Da sollte oben im Hotel Bellevue eine Sedanfeier stattfinden. Die Stimmung war fix gereizt. Überall große Not und Arbeitslosigkeit, und die ‚feinen Leute‘ prassen im Hotel ‚Bellevue‘.“ (zitiert bei Alfred Dreckmann, S. 48) Nach Piehl wurde vor dem Lokal „ordentlich Radau gemacht“, was zum Abbruch dessen führte, was BZ und DVP als „schlichte Feier“ bezeichnet hatten. Von einer Zerstörung von Einrichtungsgegenständen sprach Piehl nicht, wohl aber, dass „einige … dann noch in den Weinkeller rein [waren], und die Buddeln kreisten die Runde.“ (ebd., S. 49)

Bergedorfer Zeitung, 4. September 1920

Am folgenden Tag berichtete die BZ, dass „die Arbeiterkommission“ mitgeteilt habe, es sei nichts zerschlagen worden, und die Kommission habe dafür gesorgt, dass die Kundgebung ordnungsgemäß verlief.

 

Bergedorfer Zeitung, 7. September 1920

Dem wiederum widersprach der Hotelwirt Borgemehn, der den entstandenen Schaden nun „nach vorsichtiger Schätzung durch Sachverständige auf über 10.000 M“ bezifferte, also deutlich geringer als zuerst. Die Menge der gestohlenen Alkoholika gab er mit 215 Flaschen aber deutlich höher an.

Am Ende bleiben Fragen offen, nicht nur nach den entwendeten Getränken und dem Mobiliar: wer hatte zu der Demonstration aufgerufen? Die DVP machte das Bergedorfer-Sander Volksblatt (mit seinem Schriftleiter Ratmann Frank (SPD)) verantwortlich: es habe „in aufreizender Weise Stimmung gegen diese Veranstaltung  gemacht“, Bürgermeister Wiesner habe den Tumult beobachtet, aber nicht eingegriffen, zitiert Dreckmann (ebd., S. 49f.) aus einem der Beschwerdeschreiben der Partei. Auch findet man bei Dreckmann (ebd., S. 50) einen Auszug aus dem Bergedorf-Sander Volksblatt vom 5. September: „Wie es vorauszusehen war, so ist es gekommen. Die Warnungen, die wir ergehen ließen, schlug man in den Wind. Die brutale Herausforderung der deutschen Volkspartei …. rief die Volksmassen der Proletarier auf die Straßen, um den Herrschaften einmal wieder klar zu machen, daß sie noch nicht wieder die Macht haben.“

Eine weitere Frage ist, ob und ggf. zu welchen Konsequenzen die Ermittlungen der Polizei führten – dazu war bis Jahresende in der BZ nichts zu finden, und bei Dreckmann auch nicht.

 

 

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