Der Kampf um die Stimmen der Frauen

Im November/Dezember 1918 waren Frauen heftig umworben, denn sie sollten das Wahlrecht erhalten. Schon am 9. November hatte die neue Regierung Ebert verkündet, dass „alle über 20jährigen Staatsbürger beider Geschlechter mit gleichen Rechten“ (BZ vom 10. November) die konstituierende Nationalversammlung wählen durften, und die Grundsätze der allgemeinen, gleichen, geheimen und direkten Wahl sollten nach einer Bekanntmachung des Arbeiter- und Soldatenrats Hamburg ebenso „für alle das Volk vertretenden Körperschaften in der Stadt Hamburg, ihrem Landgebiet und dessen Gemeinden“ gelten (BZ vom 19. November).

Bergedorfer Zeitung, 17. Dezember 1918

In Bergedorf schien die Aufklärung der Frauen über ihr Wahlrecht zunächst eine Frauenangelegenheit zu sein, und besonders zu nennen ist dabei Erna Martens, die Leiterin der Luisenschule: allein im Dezember wurde sie  für insgesamt vier „parteilose Versammlungen“ (BZ vom 18. Dezember) in den Landgemeinden als Rednerin angekündigt. Ihr Thema lautete jeweils „Wahlrecht und Wahlpflicht der Frauen“.

 

Bergedorfer Zeitung, 22. November 1918

Schon im November hatte der Bergedorfer Frauenverein in einer Veranstaltung „Aufklärung über die staatsbürgerlichen Pflichten der Frau der Gegenwart“ geboten, auch der Bergedorfer Verein für Frauenstimmrecht zu einer Versammlung geladen. Der „Wahlwerbeausschuß Hamburger Frauenvereine, Bezirk Bergedorf“ hielt im städtischen Gebäude des ehemaligen Hotels „Stadt Lübeck“ täglich außer sonntags Sprechstunden ab und organisierte Frauenversammlungen, u.a. mit Erna Martens (BZ vom 23. und 27. Dezember).

Neben der politischen Bildung bzw. Aufklärung werden all diese Veranstaltungen die Zuhörerinnen in Richtung der bürgerlichen Parteien gelotst haben, aber auch die (neuformierten) Parteien umwarben die Frauen: bei den Veranstaltungen der Deutschen Demokratischen Partei (DDP) und der Deutschen Volkspartei (DVP) sprach meist auch eine Referentin. Bei den Vorstandswahlen der aus den Vereinigten Liberalen hervorgegangenen DDP Bergedorf wurden fünf Frauen in den Vorstand gewählt – die zehn Männer hatten allerdings die Mehrheit. Die Deutschnationale Volkspartei (DNVP) und die DVP bildeten Ortsgruppen erst im Januar bzw. Februar 1919, waren aber schon vorher mit öffentlichen Veranstaltungen präsent.

Man schien sich aber weitgehend mit der bürgerlichen Frauenschaft zu begnügen – nur von einer DDP-Rednerin, Frieda Radel, waren Sätze zu lesen, die an den Damen der besseren Kreise vorbeigingen: sie forderte Arbeitslosenunterstützung auch für Frauen und wandte sich „gegen die zunehmende Feindschaft gegen die Frauenarbeit“, lehnte sozialdemokratische Klassenpolitik aber entschieden ab (BZ vom 18. Dezember).

Man mag sich fragen, wo bei all diesen Aktivitäten die Sozialdemokratische Partei Deutschlands (SPD) und die von ihr abgespaltene Unabhängige Sozialdemokratische Partei Deutschlands (USPD) waren, denn das Frauenwahlrecht war ja eine der langjährigen Forderungen der Sozialdemokraten – über die (in Bergedorf sehr kleine) USPD ist in dieser Hinsicht nichts bekannt; in der SPD merkte man recht spät, dass man den bürgerlichen Aktivitäten doch besser eigene entgegensetzte und lud für den 5. Januar zu einer Serie von „öffentlichen Frauen-Versammlungen“ in den Landgemeinden ein (BZ vom 31. Dezember).

Der Spartakusbund tauchte in Bergedorf bis zur Wahl überhaupt nicht auf, das Zentrum lud nur einmal zu einer Versammlung, die sich aber nicht speziell an Frauen richtete.

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