Das Neue Hansa-Kino und die Revolution

Bergedorfer Zeitung, 12. November 1918

Zugegeben: Ferdinand Lassalle war kein Revolutionär – aber man kann es als revolutionär bezeichnen, dass das Bergedorfer Neue Hansa-Kino diesen Film zur Vorführung brachte, denn es zeigt, wie sich die Verhältnisse wandelten.

Während der Kriegsjahre hatte sich der Kinobetreiber Wilhelm Kuntz mehr als seine „patriotische Pflicht“ getan und wiederholt sein Haus für Wohltätigkeitsvorstellungen zur Verfügung gestellt: z.B. zugunsten des Roten Kreuzes, der Hindenburg-Spende und der Kolonialkriegerspende (BZ vom 31. August 1914, 29. September 1917 und 17. August 1918) – doch in erster Linie war er wohl Geschäftsmann.

Im Herbst 1914 warb er intensiv mit „den neuesten Bildern vom Kriegsschauplatz“ („Eiko-Woche“ – der Link führt zu einem Ausschnitt), ab 1915 allerdings mit stark abnehmender Frequenz, denn diese Wochenschauen mit oftmals gestellten Szenen oder Aufnahmen aus dem Hinterland erfüllten immer weniger die Erwartungen des Publikums (siehe hierzu und zum folgenden das detailreiche Buch von Wolfgang Mühl-Benninghaus, passim), das im Kino Unterhaltung und Ablenkung vom Kriegsalltag suchte: Detektivserien, Beziehungsdramen und Spielfilme aller Art mit bekannten Schauspielern wie Henny Porten, Fern Andra oder Waldemar Psylander standen im Vordergrund, die (weiterhin gezeigten) Kriegsbilder wurden in Kauf genommen. Beliebt waren offenbar auch die Aufklärungsfilme, auf die schon im Beitrag Die ungenannte Seuche eingegangen wurde.

Während der Kriegsjahre hatte sich Kuntz nach den Vorgaben der Politik richten müssen und auch Filme des Bild- und Filmamtes, das direkt der Obersten Heeresleitung unterstand, gezeigt. Im November 1918 nutzte er die neugewonnene Freiheit, um den kurz vor Kriegsende gedrehten Lassalle-Film mit mehreren Anzeigen anzupreisen und durch Lassalle-Zitate dessen politische Vorstellungen bekannter zu machen. Es gelang ihm sogar, im redaktionellen Teil der Bergedorfer Zeitung eine Empfehlung zum Besuch dieses Films über den großen Vorkämpfer für die Freiheit der Arbeiter unterzubringen – die Zeiten hatten sich eben geändert.

Bergedorfer Zeitung, 14. November 1918

Bergedorfer Zeitung, 18. November 1918

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Alles änderte sich aber dann doch nicht: in der folgenden Woche kehrte das Hansa-Kino mit einem „dramatischen Schauspiel“ und einem „Drama aus dem Kunstleben“ zum üblichen Programmschema zurück (BZ vom 18. November 1918).

 

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