Die unbenannte Seuche

Bergedorfer Zeitung, 11. September 1918

Bergedorfs „erwachsene Jugend“ sollte durch einen Film über „die Geissel der Menschheit“, „die Seuche“ aufgeklärt und davor gewarnt werden – die BZ-Leser und -Leserinnen werden gewusst haben, was gemeint war, obwohl beide Begriffe für sich genommen nicht eindeutig sind (Stefan Winkle hat ein ganzes Buch über die Geißeln der Menschheit, eine Kulturgeschichte der Seuchen, geschrieben). Thema des Films war die Syphilis.

Es war schon der vierte Aufklärungsfilm, den das Hansa-Kino den Bergedorfern in den Kriegsjahren  zeigte und der sich hiermit befasste: für die ersten drei Filme wurde mit ausführlichen Inhaltsangaben geworben – „Die schwarze Gasse“ begann pikanterweise mit einem Vorspiel, und diese drei Filme waren laut Anzeige sogar mit der Unterstützung des Deutschen Zentralkomitees zur Bekämpfung der Geschlechtskrankheiten herausgegeben worden (BZ vom 17. Oktober 1917, 18. März und 17. April 1918). In der Werbung für die ersten zwei Filme („Es werde Licht“, Teil I und II) wurde an die Eltern appelliert, ihren Söhnen und Töchtern den Film zu zeigen, „gerade in der heutigen Zeit, in der es darauf ankommt, dass die Gesundheit unserer Jugend geschützt wird“ (BZ vom 16. Oktober 1917). In der Annonce für den zweiten Teil sollten offenbar die Töchter ggf. ihrem Schicksal überlassen werden – jedenfalls hieß es an dieser Stelle, es komme darauf an, „dass die männliche Jugend geschützt wird“ (BZ vom 18. März 1918). Die männliche Jugend war ja eben kriegswichtig, und offenbar breitete sich die Krankheit in der Heimat weiter aus – unter Soldaten lag die Zahl der neuen Fälle angeblich unter dem Wert der letzten Friedensjahre, was als Erfolg der getroffenen Maßnahmen (siehe hierzu den Beitrag über das Tabuthema Geschlechtskrankheiten) gewertet wurde (BZ vom 17. August 1918).

Das Drehbuch für „Die Schiffbrüchigen“ hatte angeblich zwei dramatische Vorlagen, die sich beide mit der Syphilis befassten, Henrik Ibsens „Gespenster“ und Eugène Brieuxs „Die Schiffbrüchigen“ – dass Brieux Franzose war, war offenbar kein Hindernis. Den französischen Originaltitel von Brieuxs Theaterstück, „Les Avariés“, kann man durchaus als „Die Schiffbrüchigen“ übersetzen, aber man hätte auch „Die Syphilitiker“ nehmen können: das Dictionnaire Electronique des Synonymes der Universität Caen nennt „syphilitique“ als eines der Synonyme von „avarié“.

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