Bettstroh für Sande

Bergedorfer Zeitung, 31. August 1918

Bettstroh !!!??? Für die Prinzessin auf der Erbse wäre das jedenfalls nichts gewesen, und es ist so weit entfernt von der heutigen Vorstellungswelt, dass hier etwas ausgeholt werden muss, denn der Aufbau eines Bettes war früher anders als heute, wenn auch nicht so vielschichtig wie im Märchen H. C. Andersens.

Auf dem Lande waren mindestens bis zum Ende des 19. Jahrhunderts Butzbetten gebräuchlich, wie man sie heute z.B. im Freilichtmuseum Rieck-Haus ansehen kann: fest eingebaute Bettschränke, die meist durch Schiebetüren den Einstieg ermöglichten. Auf einer Bretterlage, 40 -60 cm über dem Fußboden, kam das Bettstroh zu liegen, entweder als Strohsack oder als lose Strohschüttung, darauf (mindestens) ein federgefülltes Unterbett, Unterpfühle (Kissen), darüber ein Betttuch, darauf Oberpfühle und die ebenfalls federgefüllte Bettdecke, wie es bei Thorsten Albrecht (S. 180 – 183) heißt. In den Vierlanden gab es sogar zwei Sorten Stroh im Bett, wie Ernst Finder (Band 1, S. 255) schrieb: die untere Lage, „Schoof“ genannt, war härter als das oben liegende „Wiepenstroh“. Ein- bis zweimal im Jahr wurde das Stroh erneuert.

Butzbetten wird es auch in Sande gegeben haben, doch nur in den älteren Häusern. Da die überwiegende Zahl der Häuser dort erst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts entstand, werden die meisten Einwohner schon in freistehenden Betten geschlafen haben, die vielleicht bei einigen sogar in eigenen Schlafkammern standen.

Zwar heißt es bei Albrecht, dass Bettstroh durch andere Unterlagen im Bett am Ende des 19. Jahrhunderts „fast vollständig“ verdrängt worden war, doch das dürfte nur in bürgerlichen Haushalten der Fall gewesen sein. Für Arbeiter, von denen es in Sande viele gab, und andere Unterbürgerliche war der Strohsack die Standardausstattung (wohl eher mit Woll- als mit Federdecke) – bei Thorsten Albrecht (Abb. 156, S. 146) ist eine Anzeige eines  Versandhändlers  von 1907 wiedergegeben, in der nicht nur eiserne Bettstellen für Arbeiter angeboten werden, sondern auch Strohsäcke (ohne Füllung). Ob es in Sande mehr eiserne oder mehr hölzerne Bettstellen gab, ist unbekannt – ein entscheidender Vorteil der Eisenbetten war, dass sich im Gestell keine Bettwanzen verstecken konnten, die gern die Ritzen der Holzbetten besiedelten und nächtens von den Schlafenden Blut sogen. Anderes Ungeziefer wie Flöhe und Läuse bevorzugte den Strohsack bzw. das Federbett. Die fehlende oder mangelhafte Betthygiene lässt Albrecht in diesem Zusammenhang von „Bettfauna“ (S. 191 – 199) sprechen, zu der auch Mäuse zählen konnten. Ob die Tierchen auch die „bezugsscheinfreien Steppdecken aus Papiergarnüberzug mit Abfallfüllung“ besiedelten, die die Reichsbekleidungsstelle im November anbot (BZ vom 4. November), ist unbekannt.

Strohsäcke waren nicht nur unhygienisch, sondern auch unbequem. Albrecht zitiert aus einer Schrift von 1783: „Sie [die Strohsäcke] sind schwer und lassen sich nicht gut hantieren. Sie sind nicht eben genug zu einem Bettlager; denn wenn man das Stroh darin aufschüttelt, so kommt das meiste in die Mitte zu liegen, wo es einen Berg macht, dahingegen die Seiten abhängig sind: und wenn auch die Schwere des Körpers das Stroh wieder aus einander drückt, so glitschet es unten hinweg, und macht eine Höhle im Bette. …. Da auch immer etwas von dem Strohe klein wird, und hindurch sticht, so werden die Zimmer unreinlich“ (S. 181).

Man brauchte nicht Prinzessin zu sein, um in solch einem Bett (das in der Regel obendrein geteilt werden musste) nicht gut zu schlafen, auch nicht, wenn es endlich frisches Stroh gab.

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