Bier für die Welt

Das ist natürlich schamlos übertrieben und soll nur neugierig machen, denn jahrhundertelang genügte den Bergedorfer Brauern das heimische Gebiet als Absatzmarkt. Seit 1608 gab es hier neun „Brauereigerechtsame“, die an das jeweilige Grundstück geknüpft waren, und gegen Bierimporte wussten sich die Brauer zu wehren1.

Die beiden Karten zeigen jedoch, wie sich die Lage nach Aufhebung des Zunftzwangs entwickelt hatte: oberhalb der Bille war (1863–1864) die „Bergedorfer Actien-Brauerei“ entstanden, die das Flusswasser zum Brauen nutzte und die „Brauereiteiche“ anlegte, aus denen im Winter das Eis zur Kühlung entnommen wurde:

Kartenausschnitt 1875 bei 'Actienbrauerei' Kartenausschnitt 1904 bei 'Actienbrauerei'

Im Jahre 1887 produzierte diese Brauerei 38.758 Hektoliter Bier – die vier größten „traditionellen“ Bergedorfer Brauereien kamen zusammen auf 6.455 Hektoliter2.

Vereins-Brauerei der Hamburg-Altonaer Gastwirte Zu diesem Zeitpunkt war die Mehrheit an der Actien-Brauerei schon an den Verein der Hamburg-Altonaer Gastwirte übergegangen, und ab 1874 hieß sie „Vereins-Brauerei der Hamburg-Altonaer Gastwirte“3 (siehe Abbildung rechts).

Das Bierbrauen an diesem Ort wurde bald nach dem Erwerb durch die Holsten-Brauerei (1914) eingestellt, aber ein Produktname überlebte: „German Lager Beer – Vereins-Brauerei Bergedorf Hamburg“ hatte sich in Westafrika etabliert und wird noch heute in Nigeria produziert: „Golden Guinea Breweries Plc – Umuahia, Abia, Nigeria:

The Company is engaged in the brewing, bottling and marketing of Golden Guinea lager beer and Eagle Stout, as well as the producing and marketing of Bergedorf premium lager beer and Bergedorf Malta under a franchise from Holsten Brauerei AG of Hamburg”

Bergedorf Bier Doch auch in Bergedorf kann man heute “Bergedorf Beer” trinken: Im Café la note im Bergedorfer Schloss wird es vom Fass ausgeschenkt, gebraut in Schwerin von der Oettinger Brauerei, die es ansonsten nur für den Export produziert und nur auf ihrer internationalen Internet-Site präsentiert (s. Abb. links).

Ein anderes Produkt, das ebenfalls nicht in Bergedorf hergestellt wird, aber mit dem Namen wirbt, ist das „Bergedorfer Bier“, das 2012 in den Handel kam. Es wird bei der Holsten-Brauerei in Hamburg-Altona produziert und lehnt sich nach Angaben der Hersteller an den klassischen Biertyp an, wie er im 19. Jahrhundert an der Bille für den Export hergestellt wurde – dies und weitere historische Informationen findet man unter www.bergedorferbier.de.

Dass alkoholische Getränke zu Streit führen können, war lokalen Medien zu entnehmen:

Wie dem auch sei: die Vereinsbrauerei, deren Gebäude 1965 niederbrannten, gibt es nicht mehr, doch der alte Eiskeller mit Zugang von der Brauerstraße (heute Chrysanderstraße) blieb erhalten:

Brauereikeller Einfahrt Brauereikeller Seite

Obwohl das Bezirksamt Bergedorf weiter damit wirbt, gibt es die Führungen durch den Eiskeller nicht mehr, wie der Veranstalter mitteilt. Schade.

  1. Vgl. Jörgen Bracker (Hg.), Zu Gast in Bergedorf: von alten Herbergen und Gaststätten in Bergedorf-Lohbrügge, Hamburg 1990, S. 26 []
  2. Vgl. Alfred Dreckmann: Bergedorfer Bier, in: ders. (Hg.), Bergedorfer Industrie, Band 1, Hamburg 1992, S. 93–104 []
  3. Führer durch Bergedorf und Umgegend, Hamburg 1904, S. 49 []
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4 Kommentare zu Bier für die Welt

  1. Walter Schönhaar 71522 Backnang sagt:

    Bei einem Besuch in Hamburg habe ich Ihr Bergedorfer Bier versucht. Es hat mir sehr gut geschmeckt. Meine Frage, gibt es im Raum Stuttgart eine Bezugsquelle?
    Mit freundlichen Grüßen
    W Schönhaar

    • Bernd Reinert sagt:

      Lieber Herr Schönhaar,
      das Bergedorfer Bier wird nach Auskunft der Hersteller nicht deutschlandweit distribuiert, und so sehe ich für Sie nur zwei Möglichkeiten: entweder finden Sie einen Distanzhändler im Internet – oder Sie kommen (was die Bergedorfer besonders freuen würde) wieder hierher.
      Beste Grüße aus Bergedorf
      Bernd Reinert

  2. Dietrich Becker sagt:

    In früheren Zeiten hatte das Bergedorfer Bier wohl durchaus miesere Qualität. Als im Zuge der Freiheitskriege gegen Napoleon kurzzeitig schwedische Truppen in Bergedorf stationiert wurden, kam es zu wütenden Protesten der Söldner, als sie Bergedorfer Bier bekamen. Sie verlangten lautstark Hamburger Bier und bezeichneten Bergedorfer Bier als „Jauche“!
    Nebenbei: Auch der Kaffee war in Bergedorf grausig, zumindest sagte dies Hans Christian Andersen, nachdem er bei der Durchfahrt durch Bergedorf eine Kaffeepause eingelegt hatte.

  3. Helmut Blaettner sagt:

    Leute, heute (01.07.) sah ich einen Bericht auf N3 über Bergedorfer Bier. Mann, wie lange ist das her, daß ich zuletzt Bergedorfer Bier getrunken habe? Es war 1972 in Lagos in Nigeria, also vor 44 Jahren. Gleich morgen früh werde ich in den (die) nächsten Supermärkte gehen und versuchen, Bergedorfer Bier zu bekommen. Mal sehen, wie es heute schmeckt und ob Erinnerungen an die Zeit in Nigeria zurück kommen.

    Gruß

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