Bier für die Welt

Das ist natürlich schamlos übertrieben und soll nur neugierig machen, denn jahrhundertelang genügte den Bergedorfer Brauern das heimische Gebiet als Absatzmarkt. Seit 1608 gab es hier neun „Brauereigerechtsame“, die an das jeweilige Grundstück geknüpft waren, und gegen Bierimporte wussten sich die Brauer zu wehren (Vgl. Jörgen Bracker (Hg.), Zu Gast in Bergedorf: von alten Herbergen und Gaststätten in Bergedorf-Lohbrügge, Hamburg 1990, S. 26.)

Die beiden Karten zeigen jedoch, wie sich die Lage nach Aufhebung des Zunftzwangs entwickelt hatte: oberhalb der Bille war (1863–1864) die „Bergedorfer Actien-Brauerei“ entstanden, die das Flusswasser zum Brauen nutzte und die „Brauereiteiche“ anlegte, aus denen im Winter das Eis zur Kühlung entnommen wurde:

Kartenausschnitt 1875 bei 'Actienbrauerei' Kartenausschnitt 1904 bei 'Actienbrauerei'

Im Jahre 1887 produzierte diese Brauerei 38.758 Hektoliter Bier – die vier größten „traditionellen“ Bergedorfer Brauereien kamen zusammen auf 6.455 HektoliterVgl. Alfred Dreckmann: Bergedorfer Bier, in: ders. (Hg.), Bergedorfer Industrie, Band 1, Hamburg 1992, S. 93–104.

Vereins-Brauerei der Hamburg-Altonaer Gastwirte Zu diesem Zeitpunkt war die Mehrheit an der Actien-Brauerei schon an den Verein der Hamburg-Altonaer Gastwirte übergegangen, und ab 1874 hieß sie „Vereins-Brauerei der Hamburg-Altonaer Gastwirte“Führer durch Bergedorf und Umgegend, Hamburg 1904, S. 49 (siehe Abbildung rechts).

Das Bierbrauen an diesem Ort wurde bald nach dem Erwerb durch die Holsten-Brauerei (1914) eingestellt, aber ein Produktname überlebte: „German Lager Beer – Vereins-Brauerei Bergedorf Hamburg“ hatte sich in Westafrika etabliert und wird noch heute in Nigeria produziert: „Golden Guinea Breweries Plc – Umuahia, Abia, Nigeria:

The Company is engaged in the brewing, bottling and marketing of Golden Guinea lager beer and Eagle Stout, as well as the producing and marketing of Bergedorf premium lager beer and Bergedorf Malta under a franchise from Holsten Brauerei AG of Hamburg”

Bergedorf Bier Doch auch in Bergedorf kann man heute “Bergedorf Beer” trinken: Im Café la note im Bergedorfer Schloss wird es vom Fass ausgeschenkt, gebraut in Schwerin von der Oettinger Brauerei, die es ansonsten nur für den Export produziert und nur auf ihrer internationalen Internet-Site präsentiert (s. Abb. links).

Ein anderes Produkt, das ebenfalls nicht in Bergedorf hergestellt wird, aber mit dem Namen wirbt, ist das „Bergedorfer Bier“, das 2012 in den Handel kam. Es wird bei der Holsten-Brauerei in Hamburg-Altona produziert und lehnt sich nach Angaben der Hersteller an den klassischen Biertyp an, wie er im 19. Jahrhundert an der Bille für den Export hergestellt wurde – dies und weitere historische Informationen findet man unter www.bergedorferbier.de.

Dass alkoholische Getränke zu Streit führen können, war lokalen Medien zu entnehmen:

Wie dem auch sei: die Vereinsbrauerei, deren Gebäude 1965 niederbrannten, gibt es nicht mehr, doch der alte Eiskeller mit Zugang von der Brauerstraße (heute Chrysanderstraße) blieb erhalten:

Brauereikeller Einfahrt Brauereikeller Seite

Obwohl das Bezirksamt Bergedorf weiter damit wirbt, gibt es die Führungen durch den Eiskeller nicht mehr, wie der Veranstalter mitteilt. Schade.

Update 11. Juni 2019:
Der Kommentar von Alexander D. (siehe unten) veranlasste mich, das Kultur- und Geschichtskontor Bergedorf nach diesem Weinkeller zu fragen: wie die unten abgebildete Anzeige dokumentiert (Dank an Christian Römmer vom Kontor!), gab es dort schon 1950 ein Weinlokal, über das aber in der örtlichen Literatur nichts zu finden ist. Vielleicht melden sich ja nun Zeitzeugen (hoffentlich!), die Näheres wissen.

Anzeige im Lichtwarkheft, September 1950, S. 31

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