Telefonieren teurer

Bergedorfer Zeitung, 19. Mai 1920

Die Bergedorfer hatten damals die Wahl: sie konnten für ihren Telefonanschluss eine „Flatrate“ buchen, als „Pauschgebühr“ bezeichnet, oder sie konnten sich für die Zahlung von Grund- und Gesprächsgebühren entscheiden. Wie auch immer sie sich entschieden: ab dem 1. Juli 1920 war das Doppelte des bisherigen Betrags zu zahlen.

Die Flatrate kostete nun 600 statt bisher 300 Mark im Jahr, und das war nicht wenig, wie aus dem Beitrag über die Löhne im Kleinhandel hervorgeht. Mit der kombinierten Zahlung kam man auf mindestens 320 Mark – und beides galt nur für die Ortsgespräche; wer häufiger mit Hamburg, Altona, Harburg oder Blankenese telefonieren musste, entschied sich vielleicht für die auf 1.000 Mark erhöhte „Vorortspauschale“ (BZ vom 1. Juni).

Egal, ob man Viel- oder Wenigtelefonierer war: es war obendrein eine einmalige Sonderzahlung als „Vorbedingung für die Belassung der bestehenden und Herstellung neuer Anschlüsse“ in Höhe von 1.000 Mark zu zahlen, weitere 200 Mark für einen Nebenanschluss. Es war eine Art Zwangsanleihe, die verzinst und zurückgezahlt und mit deren Hilfe der Netzausbau finanziert werden sollte – doch wer konnte sich jetzt noch einen neuen Anschluss leisten? Die Antwort gab die BZ: „alle durch unsaubere Manipulationen in und nach dem Kriege plötzlich reich gewordenen Schieber und Nichtstuer“ bekämen den „solange ersehnten, im Grunde aber höchst überflüssigen Anschluß“; für kleinere Gewerbetreibende und freie Berufe sei ein Telefon unerschwinglich geworden, in manchen Städten habe „fast der gesamte gewerbliche Mittelstand die Anschlüsse gekündigt“ (BZ vom 19. Juni).

BZ, 26. Juni 1920

BZ, 3. Juli 1920

In Bergedorf wird es zumindest eine Kündigung gegeben haben: der Dentist Kopton inserierte im ersten Halbjahr 1920 immer mit Angabe seiner Telefonnummer – im zweiten Halbjahr immer ohne, und auch in dem ab dem 1. Juli geltenden Fernsprechverzeichnis tauchte er nicht mehr auf. So entging er den Kosten; ob seine Einnahmen auch zurückgingen, ist unbekannt. Die Dentisten Kleissenberg und (in Geesthacht) Düsing behielten ihre Anschlüsse, ihre Berufskollegen Meier und Hoffmann sowie in Geesthacht Hillmann waren seit jeher ohne Fernsprecher tätig (diverse Anzeigen in der BZ).

BZ, 2. Oktober 1920

Ein Wort noch zu den preisgünstigeren Nebenanschlüssen, die vielleicht auch den unzureichenden Netzausbau widerspiegelten: der Nebenanschluss war nicht direkt an das öffentliche Fernsprechnetz angebunden – wer mit einem solchen Teilnehmer sprechen wollte, war auf die Anwesenheit des Hauptanschluss-Inhabers angewiesen, der die Verbindung zum Nebenanschluss herstellen musste.

 

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