Die durchgehende Arbeitszeit

Bergedorfer Zeitung, 7. Januar 1920

Die „dauernde Kohlennot“ bestimmte weite Teile des Lebens in Bergedorf und Sande, wie schon im Beitrag der Vorwoche aufgezeigt, und sie veranlasste die Verwaltungen von Bergedorf und Sande zu gemeinsamem Handeln: Bürgermeister Wilhelm Wiesner und Gemeindevorsteher Richard Krell luden „die Vertreter sämtlicher Arbeitgeber- und Arbeitnehmerorganisationen“ ihres Bereichs zu einer Besprechung über die Einführung der „durchgehenden Arbeitszeit für alle Betriebe“ ein.

Auf den ersten Blick scheint der Ansatz plausibel: nach einem 1919 geschlossenen Tarifvertrag für die Ladengeschäfte stand den Angestellten mittags eine zweistündige Tischzeit zu (BZ vom 19. Februar 1919). Zwar waren in der BZ keine weiteren Angaben zu den örtlich üblichen Pausenzeiten zu finden, aber man darf vermuten, dass ähnliche Regelungen in den anderen Wirtschaftsbereichen bestanden – in der hellsten Tageszeit ruhte das Wirtschaftsleben also weitgehend. Dafür musste am Nachmittag künstliche Beleuchtung genutzt und auch länger geheizt werden, was beides zusätzlichen Kohlenverbrauch bedeutete.

Bergedorfer Zeitung, 8. Januar 1920

Die Reaktionen waren unterschiedlich. Die Gremien der freien Gewerkschaften sprachen sich für die durchgehende Arbeitszeit aus, verbanden dieses Votum aber mit der Forderung, „eine in dieser Zeit liegende Pause solle zu Kosten der Arbeitgeber fallen“, was de facto die Einführung des Siebeneinhalbstundentags bedeutet hätte.

Die Verhandlungen scheiterten am Widerstand der Arbeitgeber, wie aus gleich zwei Artikeln hervorgeht: der Bericht in der BZ vom 12. Januar scheint aus der Perspektive des Bergedorfer Rathauses geschrieben zu sein, was die Arbeitgeberseite veranlasste, eine umfangreiche Stellungnahme abzugeben, die die Zeitung am nächsten Tag gekürzt wiedergab:

Bergedorfer Zeitung, 12. Januar 1920

Bergedorfer Zeitung, 13. Januar 1920

 

Demnach war nicht nur die im Vorjahr gegründete Wirtschaftliche Vereinigung (BZ vom 2. April 1919) gegen die zentrale Festlegung auf eine einheitliche Arbeitszeit, sondern auch der Geschäftsführer der AOK und SPD-Bürgervertreter Friedrich Tonn, da die Betriebe unterschiedliche Anforderungen und Betriebsnotwendigkeiten hätten, was ja auch einleuchtet. Ob Tonn sich den weiteren Ausführungen der Arbeitgeber angeschlossen hätte, ist zu bezweifeln.

Über eventuell geschlossene betriebliche Vereinbarungen berichtete die Zeitung nicht.

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