Die Tätigkeit des Arbeiter- und Soldatenrats und die Gerüchte

Bergedorfer Zeitung, 19. November 1918

Es waren vor allem Alltagsthemen, die den Bergedorf-Sander Arbeiterrat bewegten: Arbeitszeit, Wohnungsfürsorge, Lebensmittelverteilung, Arbeitslosenfürsorge und Arbeitsnachweis. Die ersten Aktionen waren die Erfassung der Zahl der Arbeitnehmer in den

BZ, 16. November 1918

Betrieben und die Einführung des Achtstundentags (BZ vom 11. und 16. November); ansonsten beschränkte der Rat sich auf „Mitwirkung“ an den städtischen Maßnahmen, wie es im Bericht Friedrich Tonns heißt (BZ vom 14. Dezember). Die Aktivitäten der Stadt waren auch durchaus im Sinne des Rats: Hauseigentümer wurden verpflichtet, alle für Teilung geeigneten sowie leerstehenden Wohnungen zu melden, ebenso alle Räume, die für Wohnzwecke geeignet waren (BZ vom 16. November). Ein Arbeiterausschuss für die städtischen Arbeiter, d.h. eine Art Personalrat, wurde geschaffen und ein Kredit über 100.000 M für Maßnahmen gegen Wohnungsnot und Arbeitslosigkeit aufgenommen, die Einrichtung eines Fürsorgeamts wurde in Angriff genommen (BZ vom 21. November), und ab Jahresende inserierte der „Öffentliche Arbeitsnachweis“ als „Städtisches Arbeitsamt Bergedorf“ (BZ vom 31. Dezember).

Einige bis dahin städtische Kompetenzen wurden vom Arbeiter- und Soldatenrat übernommen, so die Festlegung der Polizeistunde und das Verbot von Tanzveranstaltungen (siehe den Beitrag Tanz in allen Sälen), auch die Ausstellung von Waffenscheinen (z.B. BZ vom 2. und 3. Dezember). Der Soldatenrat verfügte über Sicherheitsmannschaften, die die Polizei verstärkten und insbesondere bei der Diebstahlbekämpfung mehrfach erfolgreich waren (z.B. BZ vom 13. und 15. November sowie 30. und 31. Dezember).

Zu kämpfen hatte der Arbeiter- und Soldatenrat daneben mit Gerüchten und anonymen Anschuldigungen (auch gegen den Bürgermeister), gegen die er sich öffentlich zur Wehr setzte:

Bergedorfer Zeitung, 18. November 1918

Bergedorfer Zeitung, 6. Dezember 1918

 

 

 

 

 

 

 

 

Ob hinter diesen und anderen Anschuldigungen politische Absichten steckten oder ob die Urheber nur jemandem eins auswischen wollten, bleibt offen – jedenfalls gab es außer den hier wiedergegebenen Artikeln noch drei Bekanntmachungen des Arbeiter- und Soldatenrats, dass anonyme Zuschriften nicht bearbeitet würden (BZ vom 16., 19. und 26. November). Das Anschwärzen und Gerüchtestreuen war aber kein auf Bergedorf begrenztes Problem: der Geesthachter Rat hatte sich ebenso gegen Verleumder zu wehren und wollte diese sogar „an den Pranger stellen“ (BZ vom 5. Dezember), was aber hoffentlich nur metaphorisch gemeint war.

BZ, 3. Dezember 1918

Ansonsten: der Arbeiter- und Soldatenrat sollte ordnungsgemäß verwaltet werden, wie die nebenstehende Anzeige belegt – das Geld kam aus der Stadtkasse (BZ vom 26. Februar 1919). Das mehrfache Erscheinen solcher Anzeigen zeigt aber auch, dass wohl manche Requisitionen oder Bestellungen in rein privatem Interesse erfolgten.

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Ein Kommentar zu Die Tätigkeit des Arbeiter- und Soldatenrats und die Gerüchte

  1. Saili sagt:

    Danke für diesen tollen Blog. Macht weiter so.

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