Die Nagelfabrik Bergedorf und die Kriegspferde

Bergedorfer Zeitung, 20. Juni 1918

Pferde spielten im Ersten Weltkrieg eine zentrale Rolle – die Hufnägel für die Pferde kamen zu einem erheblichen Teil aus der Nagelfabrik Bergedorf, die regelmäßig Arbeiterinnen für die Produktion suchte.

Die Beschäftigung von Frauen war bei der Nagelfabrik nicht allein dem Mangel an männlichen Arbeitskräften geschuldet – schon in den Anfangsjahren der 1883 in Sande (neben dem Bergedorfer Eisenwerk) errichteten Fabrik waren die Männer dort in der Minderheit. 1917/18 suchte die Fabrik fast ausschließlich nach Arbeiterinnen, aber wenn Schlosser, Dreher oder Schmiede gebraucht wurden, inserierte man nur mit den männlichen Bezeichnungen – wahrscheinlich gab es keine in diesen Berufen ausgebildeten Frauen, und als kriegswichtiger Betrieb hatte die Nagelfabrik das Recht, Dienstpflichtige nach dem Gesetz über den vaterländischen Hilfsdienst zu beschäftigen, ebenso wurden Kriegsbeschädigte eingestellt (BZ vom 25. Januar 1917 und 5. Juni 1918).

Zur Produktionspalette der Fabrik zählten „Diamant-Nagel-Schrauben“, d.h. „Holzschrauben zum Einschlagen ohne Vorbohren“, wie Hermann Lembke  im Sammelband Bergedorfer Industrie Band I (S. 177 – 189) schreibt – das Hauptprodukt, gerade in den Kriegsjahren, waren aber Hufnägel, die es u.a. als „Reichshufnägel“ gab, sogar als „Militärnagel M nach Vorschrift der Militär-Veterinär-Verordnung“ und als Militär-Eisnagel in zwei Varianten, wie aus einer Firmenwerbung hervorgeht (abgebildet bei Lembke, ebd., S. 179).

Der Bedarf des Militärs an Hufeisen und Hufnägeln war gewaltig: nach Rainer Pöppinghege mussten die als Zug-, Last- bzw. Reittiere stark beanspruchten ca. 1,2 bis 1,4 Millionen „deutschen“ Kriegspferde alle vierzehn Tage neu beschlagen werden, der monatliche Verbrauch von Hufeisen lag bei ca. 10 Millionen Stück (S. 57f.). Wenn für jedes Hufeisen fünf Hufnägel nötig waren, brauchte man also 50 Millionen Hufnägel pro Monat, und auch wenn sie sicher nicht alle aus der Nagelfabrik Bergedorf kamen, war der Kriegsbeitrag des Werks beachtlich.

Noch wenige Tage vor Kriegsende suchte die Nagelfabrik erneut Arbeiterinnen (BZ vom 1. November 1918), doch wird die Produktion sehr bald heruntergefahren worden sein – nicht nur, weil der Friedensbedarf geringer war, sondern auch, weil die zunehmende Motorisierung Pferde verdrängte.

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2 Kommentare zu Die Nagelfabrik Bergedorf und die Kriegspferde

  1. Joachim Paschen sagt:

    Die Idee zu dieser Art von Rückblick finde ich toll. Meine Nachforschungen geben z.T. jedoch ein etwas anderes Bild: Frauen waren in der Nagelfabrik nicht in der Mehrheit, wie das Gruppenfoto von 1902 bei Lembke, S. 182f zeigt. Die Produktion muss in den 1920er Jahren nicht rückläufig gewesen sein: 1921 interpelliert ein KPD-MdR beim Reichsarbeitsministerium, dass die Nagelfabrik statt des vereinbarten 8-Stunden-Arbeitstages neun Stunden arbeiten lässt. 1925 wurde das Kapital erhöht (wahrscheinlich wegen der Umwandlung des Dampfmaschinenantriebs in Diesel- und Elektromotoren. Gibt es dazu nicht noch mehr Artikel in der BZ?

  2. Bernd Reinert sagt:

    In der Darstellung bin ich dem Text Lembkes gefolgt, der für 1890 „200 bis 230“ Belegschaftsmitglieder nennt: „3/5 von ihnen waren weiblich.“ (Lembke, a.a.O., S. 177) Nach dem Foto von 1902 zu urteilen hat sich das Mehrheitsverhältnis in der Folgezeit offenbar gedreht.
    Über Produktionszahlen nach Ende des Ersten Weltkriegs verfüge ich nicht, aber nach Pöppinghege (a.a.O.) mussten Militärpferde häufiger beschlagen werden als Pferde in „zivilem“ Einsatz, und wenn man die zunehmende Motorisierung in den 1920er Jahren miteinbezieht, spricht viel für einen Produktionsrückgang, der sich wohl auch in der für diese Zeit von Lembke (S. 186) genannten Zahl von „ca. 100“ Arbeitern und Arbeiterinnen widerspiegelt.
    Die Mikroverfilmung der BZ endet leider am Jahresende 1919 mit einer folgenden zehnjährigen Bestandslücke, aber der Staats- und Universitätsbibliothek ist es gelungen, mehrere Folgejahrgänge in Papierform aufzutreiben, und diese sollen sogar in digitalisierter Form zugänglich gemacht werden.

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