Der Kamp – Bergedorfs Industriegebiet

(Der folgende Text beruht, soweit nicht anders angegeben, auf den Aufsätzen und Firmenporträts in: Alfred Dreckmann (Hg.), Bergedorfer Industrie in Texten und Bildern, Band 1 und 2, Hamburg 1992 und 1993. Bei Verweisen hierauf werden wegen der besseren Lesbarkeit nur der Name des Autors und der Titel des Aufsatzes sowie Band und Seiten angeführt. Einen Überblick bietet: Kultur- und Geschichtskontor, 850 Jahre Bergedorf. Eine Stadtgeschichte, Hamburg 2012, S. 53–66.)

Hier, am Westufer des Schleusengrabens, entstand in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts das Bergedorfer Industriegebiet. Die Industrialisierung begann in nennenswertem Umfang erst nach Einführung der Gewerbefreiheit 1864 und dem Anschluss Bergedorfs an das Gebiet des Deutschen Zollvereins 1868, der den zollfreien Handel mit den Mitgliedsstaaten ermöglichte1.

Karte Kamp 1875Karte Kamp 1904

Die Karten von 1875 und 1904 zeigen im Vergleich, wie massiv der „Kamp“ innerhalb weniger Jahrzehnte durch die Industrialisierung verändert wurde: 1875 gab es in größerer Entfernung von der Altstadt eine Glashütte (1869 gegründet) mit Arbeiterwohnungen an der noch namenlosen Verlängerung des Weidenbaumswegs mit Belegenheit am Schleusengraben, Bergedorfs Wasserweg zur Elbe und damit nach Hamburg. Weiter zeigt die Karte eine noch lückenhafte Bebauung mit Arbeiterwohnhäusern im sogenannten „Gleisdreieck“ an der „Ersten Querstraße“ und der „Zweiten Querstraße“, die diese Namen 1887 erhielten. Zur Entwicklung des Wohnungsbaus in diesem Gebiet siehe Geerd Dahms2.

Der Plan von 1904 zeigt dann eine deutlich vergrößerte Glasfabrik und auf der Westseite des Weidenbaumswegs eine nahezu geschlossene Wohnbebauung. Weiter nördlich hatten sich zum Schleusengraben hin mehrere größere Industriebetriebe niedergelassen, die sämtlich über eine Kaimauer am Schleusengraben verfügten, was den An- und Abtransport von Gütern auf dem Wasserwege erleichterte. Eine große Fläche nahm ab 1882 die „Hamburg-Bergedorfer Stuhlrohrfabrik von Lütcke & Co.“ ein, die ab November 1890 den Namen „Hamburg-Bergedorfer Stuhlrohrfabrik von Rud. Sieverts“ trug und lange Jahre Bergedorfs größter Steuerzahler war.

Schild Stuhlrohrfabrik

Die drei großen Lagerhallen (mit dem Firmenschild zum Schiffwasser) stehen noch heute an der Ecke Stuhlrohrstraße / Kampdeich.

Stuhlrohrhallen

Südlich davon ging 1894 eine weitere Stuhlrohrfabrik in Betrieb3. Südlich der Glashütte von Hein & Dietrichs entstand die im Jahre 1900 gegründete „Bergedorfer Glycerinfabrik“, deren Erschließung über den hier am Schleusengraben verlaufenden Kampdeich erfolgte4.

Eine Zuckerraffinerie (Milde & Hell) hatte sich 1879 an der nach Hamburg führenden Kampchaussee angesiedelt, eine andere 1871 am Ostufer des Schleusengrabens (Zuckersiederei Theodor Tönnies)5. Ebenfalls auf der Ostseite lagen die 1894 gegründete „Chemische Fabrik Bergedorf Dr. Lindemann & Co“ 6 und die „Fischkonservenfabrik August Gehrhus“, die im Jahre 1889 immerhin 4.406 Tonnen Heringe über den Bergedorfer Hafen anliefern ließ7. Nachbar von Milde & Hell an der Kampchaussee wurde 1893 die Firma „Mez & Cie GmbH“, eine „Dampf-Zurichterei für Piassava und Fibre. Fabrikation von Piassavabesen“, d.h. aus Palmfasern hergestellten Bürsten und Besen8. Auf der anderen Straßenseite produzierten seit 1901 die „Deutsche Kap-Asbest-Werke“9.

Keine der genannten Firmen ist heute noch an ihrem hier genannten Standort zu finden. Zumindest die Firma Milde & Hell ist mit ihren „Hellmi“-Produkten, die heute von der „Hanseatischen Zuckerraffinerie GmbH & Co.“ hergestellt werden, noch präsent.

  1. Vgl. Christel Oldenburg, Vorboten der Industrialisierung, Band 1, S. 5–20, passim. []
  2. Geerd Dahms, Bergedorf. Altes neu entdeckt, 2., überarb. Aufl., Hamburg 2004, S. 85–92 []
  3. Vgl. Alfred Dreckmann, Die Stuhlrohrfabriken in Bergedorf, Band 1, S. 159–176, passim, und: Geerd Dahms, Bergedorf. Altes neu entdeckt, 2., überarb. Aufl., Hamburg 2004, S. 58–84, passim) []
  4. Vgl. Rudolf George, Die Glycerin- und Fettsäureproduktion in Bergedorf, Band 2, S. 153–168, S. 154f. []
  5. Vgl. Alfred Dreckmann: Milde & Hell, Band 1, S. 139–146, passim, und: Rudolf George: Zuckersiederei Theodor Tönnies, Band 1, S. 147–148 []
  6. Vgl. Rudolf George, Chemische Fabrik Stobwasser & Co, Band 2, S. 168–170 []
  7. Vgl. Christel Oldenburg, Bergedorf – eine Hafenstadt. Streiflichter zur Geschichte des Bergedorfer Hafens, Hamburg 2002, S. 25 []
  8. Vgl. Rudolf George / Oliver Schmidt, Faserstoff-Zurichterei Bergedorf, Band 2, S. 188–190 []
  9. Hans Mickler, Deutsche Kap-Asbest-Werke AG, Band 2, S. 191–218 []
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4 Kommentare zu Der Kamp – Bergedorfs Industriegebiet

  1. Matthias Seidel sagt:

    Ja, Bergedorfs Geschichte ist schon sehr spannend!

    Auf der Karte von 1904 konnte ich sogar mein Elternhaus mit angeschlossener Werkstatt in der Kampchaussee 2 finden.
    Nach der Firmengründung 1897 war der Familienbetrieb ab ca. 1900 über 100 Jahre an diesem Standort…

  2. Frank Hansen sagt:

    Hallo,
    was wurde aus der Hamburg-Bergedorfer Stuhlrohrfabrik von Rud. Sieverts ?
    Gibt es sie noch?
    Liebe Grüße

    • Bernd Reinert sagt:

      Nein, es gibt sie nicht mehr. Ein großer Teil der Fabrikanlagen wurde in den 1950er Jahren für den Bau der Bergedorfer Straße abgerissen und die Produktion nach Java verlagert. Bis 2002/2003 konnten diese Möbel in den erhalten gebliebenen Hallen (siehe Fotos im Beitrag) in der Stuhlrohrstraße noch erworben werden, in denen sich heute andere Handelsgeschäfte befinden. (siehe Literaturangaben in Anm. 3, wobei hier auch die 2009 erschienene 3. Auflage des Buches von Dahms genutzt wurde).
      Laut Handelsregister ist die Firma gelöscht; das Löschungsdatum ist nur dem kostenpflichtigen Teil der Registerauskunft zu entnehmen. Wenn Sie also weiterforschen möchten …

  3. Johannes sagt:

    Eine Stuhlrohrfabrik – interessant, dass die mal Bergedorfs größter Arbeitgeber war. So ändern sich die Zeiten. Das Herstellen einer Sitzfläche für Stühle und Korbsessel aus Rattan oder auch Rotang stand um die Jahrhundertwende hoch im Kurs. Heute ist das Beflechten von Sitzmöbeln fast vergessenes Handwerk und es finden sich nur noch wenige Liebhaber, die ihre alten Stühle restaurieren lassen – wie zum Beispiel meine Mutter, die mir kürzlich einige selbst beflochtene geschenkt hat.

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