Das Schloss und sein Park

Schlosspark Karten 1875 (links) - 1904 (rechts)

Die Karte von 1904 zeigt – mehr noch als die von 1875 – die Umgebung des Schlosses als Grün- und Erholungsanlage, zu der die Befestigung im Laufe des 19. Jahrhunderts umgewandelt geworden war: 1805 wurden die Kanonen von den Wällen entfernt, Bäume wurden gepflanzt und Spazierwege angelegt, sogar zwei „Lusthäuser“ wurden errichtet Vgl. Victoria Overlack, Vom „verschlossenen Haus“ zum öffentlichen Ort, in: dies. (Hg.), Das Bergedorfer Schloss. Een sloten Huß. Entstehung – Funktionen – Baugeschichte, Hamburg 2008, S. 41–93, hier S. 76, mit Plan der Anlage auf S. 77.

Dennoch blieb das Schloss den größten Teil des 19. Jahrhunderts eine verschlossene Anlage: man errichtete 1837 sogar ein neues Tor im Wall Vgl. Martin Knorr, Das Bergedorfer Schloß. Bergedorf-Porträt Heft 3, hrsg. von Jörgen Bracker, Hamburg 2. Aufl. 1989, o.p. [S. 16], das auf der folgenden Abbildung hinten links zu sehen ist:

Bergedorf Pforthaus 1890


Eine weitere Abbildung, bei der der Künstler wohl vor oder auf dem Tor gestanden hat, zeigt den Blick in die Stadt:

Bergedorf – Schloßstraße um 1837

Hier sieht man, dass die Anlage militärisch bewacht war – nur selten war freier Zutritt möglich; die Amtsverwalter Lindenberg (1815–1851) und Kaufmann (1851–1874) öffneten „den Schlossgarten von Zeit zu Zeit der Bevölkerung, beispielsweise an Festtagen. Auch Fremde, die Schloss und Garten besichtigen wollten …, durften im Garten spazieren gehen, allerdings nur in Begleitung der Stadtsoldaten.“ (Overlack, a.a.O., S. 80.)

Bergedorfer Stadtsoldaten gab es nach der Eingliederung in das hamburgische Staatsgebiet (1868) nur noch wenige Jahre: „Diese Mannschaft wurde seit 1859 nicht wieder ergänzt und die letzten 5 Mann 1874 pensionirt.“ Verein deutscher Kampfgenossen für Bergedorf und Umgegend (Hg.), Gedenkbuch zum 2. September 1895 für die Landherrenschaft Bergedorf, Bergedorf 1895, S. 5.. Die Schlossanlage unterstand ab 1868 der „Finanz-Deputation“, die die Freiflächen als Gartenland und Lagerplatz verpachtete (Vgl. Overlack, a.a.O., S. 88.) und somit eine öffentliche Nutzung weiter verhinderte.

Ein kleiner Schritt in Richtung öffentlicher Park erfolgte dann 1887/88: die Stadt Bergedorf erwarb von Hamburg den „Schlossküchengarten“, einen Teil des früheren Vorwerks:

Vierländer Nachrichten 1887, 01.11.87, No. 128, S. 1, Sp. 1 Vierländer Nachrichten 1888, 27.03.88, No. 37 Vierländer Nachrichten 1888, 25.10.88, No. 126

Vierländer Nachrichten 1887-88 (Klick auf die Vorschaubilder zeigt die Artikelausschnitte in lesbarer Größe).

Führer durch Bergedorf und Umgegend, 1904

Das Denkmal für Kaiser Wilhelm I. steht auch heute noch, ebenso der Sievers-Brunnen – zauberhafte Fotos des frisch restaurierten Brunnens hat Michael Zapf geschossen Olaf Matthes / Michael Zapf, Bergedorfs schönste Seiten. Fotografiert von Michael Zapf, mit Texten von Olaf Matthes, Hamburg 2011, S. 2 und 17. Für den zweiten im „Dreikaiserjahr“ 1888 verstorbenen Kaiser Friedrich wurde offenbar kein Denkmal errichtet. Statt der Gas-Candelaber gibt es heute eine funktionale elektrische Straßenbeleuchtung.

Es dauerte fast ein weiteres Jahrzehnt, bis der Bergedorfer Bürgerverein seine Forderung nach der Umwandlung der gesamten Umgebung des Schlosses realisiert sehen sollte, denn die Finanz-Deputation hatte nicht nur fiskalische Einwände, sondern auch moralische, wie bei Overlack (a.a.O., S. 88–89) nachzulesen ist: „Der Garten liegt recht abgelegen, er würde bald eine wahre Brutstätte für Unfug und Liederlichkeit werden“, hieß es aus Hamburg. Doch 1898 konnte die durch die Bau-Deputation neugestaltete Parkanlage der Öffentlichkeit übergeben werden – nachdem Bergedorf die Übernahme der laufenden Kosten zugesichert hatte (vgl. ebd., S. 89, und die Lagepläne auf S. 91 und 93), stellte die Finanz-Deputation ihre sittlichen Bedenken offenbar zurück.

Führer durch Bergedorf und Umgegend, 1904

Schlossgrabenbrücke

Das oben genannte Tor übrigens wurde im späten 19. Jahrhundert neogotisch um- oder gar neugebaut, verfiel im 20. Jahrhundert aber zusehends (Siehe dazu die Fotografie Egon Klebes aus dem Jahre 1968Olaf Matthes, Hamburg-Bergedorf in den Fotografien von Egon Klebe, Erfurt 2010, S. 23 und wurde 1969 abgebrochen. Eines der Türmchen hat vor der alten Feuerwache an der Chrysanderstraße einen so zurückhaltenden Platz gefunden, dass man sich erst durch einige Rosenbüsche kämpfen muss, um das Erinnerungstäfelchen betrachten zu können.

Walltor-Rest

Walltor-Rest-Tafel

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3 Kommentare zu Das Schloss und sein Park

  1. Dietrich Becker sagt:

    Als das Schlosstor 1969 abgebrochen wurde, war es nicht baufällig! Der Vater meines Freundes Rainer war damals Handwerker und sagte immer wieder, das Bauwerk war noch gut in Schuss gewesen.
    Es hielt sich damals in Bergedorf hartnäckig das Gerücht, Körber habe den Abriss für seinen Bergedorfer Gesprächskreis durchgesetzt. Der tagte im Schloss und die dicken Staatskarossen gingen nicht durch das Tor . Wir Kinder waren ebenfalls stinksauer über den Abriss! War da doch noch eine Kanonenkugel aus dem Mittelalter zu sehen.

    • Bernd Reinert sagt:

      Man hätte das Bauwerk wohl instandsetzen können, doch man wollte nicht, wobei auch die Erreichbarkeit des Schlosses für die Feuerwehr eine Rolle gespielt haben könnte.
      Aber war die Kanonenkugel, die oben über der Durchfahrt, etwas rechts von der Mitte, im Mauerwerk steckte, wirklich mittelalterlich oder war sie „neogotisch“? Ich habe (bisher) keine Belege finden können, die eine Datierung ermöglichen würden.

      • Christian Römmer sagt:

        Die Kanonenkugel steckte erst seit einem historisierenden Umbau Ende der 1890er Jahre in dem Tor. Vorher war das Tor schlichter, wie man auf älteren Fotos sehen kann.

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