Große Straße 20: keine Goldgrube

BZ, 15. Januar 1919

Das gesamte gut erhaltene Inventar des Friseursalons in der Großen Straße 20 kam unter den Hammer – vermutlich waren Verbindlichkeiten wie z.B. Mietschulden nicht bedient worden.

BZ, 11. Oktober 1918

Erst im Oktober 1918 hatte A. Dellitsch diesen Damen-Salon dort eröffnet, und nach weniger als drei Monaten war Schluss – ein Spiegel der Zeit, aber sicher auch der 1918 deutlich gewachsenen Zahl von Frisiersalons geschuldet.

BZ, 27. Juli 1915

Der Vermieter Wilhelm (Willy) Langneß, von Beruf Goldschmied, wird frustriert gewesen sein: bis März 1914 hatte er im Parterre des Hauses mit Gold- und Silberwaren gehandelt. Seine regelmäßigen Anzeigen in der BZ waren immer anspruchsvoll gestaltet,  doch eine Goldgrube war das Geschäft wohl nicht, denn er verlegte es in die Wohnräume der ersten Etage, um den Laden vermieten zu können (BZ vom 12. März 1914).

Der neue Mieter des Ladens war das Hamburger Musikhaus Prehn, das vorher an der Holstenstraße im Haus der Bergedorfer Bank ansässig gewesen war (BZ vom 12. März und 3. April 1914), den Standort unmittelbar am Bergedorfer Markt aber ein gutes Jahr später aufgab: Kriegszeiten waren offenbar keine guten Zeiten für Musikwaren und Musikalien.

 

 

BZ, 17. August 1915 (erste Anzeige)

BZ, 2. August 1918 (letzte Anzeige)

Langneß‘ dann folgende Suche nach einem neuen Mieter dauerte fast drei Jahre, in der Regel mit drei Annoncen pro Woche.

 

BZ, 16. Februar 1918

Zwar gab es eine Zwischennutzung durch die „Liebesgaben-Annahmestelle vom Roten Kreuz“ (BZ vom 17. April 1916) und später auch durch die Nähstube des Roten Kreuzes, doch da Langneß‘ Vermietungsanzeigen weiterliefen, kann man vermuten, dass das Rote Kreuz hierfür keine oder nur eine geringe Miete zahlte und dafür kurzfristig gekündigt werden konnte.

BZ, 14. März 1917

Langneß war schon 1915 zum Militär einberufen worden (BZ vom 5. Februar 1915). Seine Frau versuchte das „Etagen-Geschäft“ weiterzuführen und durch den Kauf alter Gebisse weitere Einnahmen zu erzielen, fertigte Bauerntrachten für Kinder (z.B. BZ vom 5. Oktober 1916) und bot vogtländische Stickereien an (z. B. BZ vom 17. Februar 1917), auch wurden Reparaturen von Gold- und Silberschmuck ausgeführt (z.B. BZ vom 13. März 1918) – sie unternahm wirklich viel, aber die Einnahmen werden auf bescheidenem Niveau geblieben sein.

BZ, 8. März 1919

BZ, 7. Juni 1919

Nach der Pleite des Friseurs fand sich aber recht schnell ein neuer Mieter für den Laden: der Buchbinder Ingo Fuhr (i. Fa. Chr. Ditlevsen Nachf.) zog von der Großen Straße 19 ins Nachbarhaus, und einige Monate später war auch die erste Etage neu belegt: eine Zahnpraxis zog ein. Wahrscheinlich waren Langneß und Frau zu diesem Zeitpunkt bereits ausgezogen und hatten Bergedorf verlassen; dafür verzeichnete das Hamburger Adressbuch für 1920 erstmals einen Goldschmied W. Langness in der ABC-Straße 6. Er hatte den Krieg also überlebt und konnte wieder in seinem Beruf tätig werden.

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