Treibriemen zu Schuhsohlen, Frauenhaar zu Treibriemen

Bergedorfer Zeitung, 28. Februar 1917

Bergedorfer Zeitung, 28. Februar 1917

Treibriemen waren in vielen Industriebetrieben ein unverzichtbares Mittel der Kraftübertragung, und da die Rüstungsproduktion an oberster Stelle der Güterherstellung rangierte, hatte deren ausreichende Versorgung mit Treibriemen Priorität gegenüber Schuhsohlen (für die Zivilbevölkerung). Auch brauchte man Leder für das Geschirr der Pferde beim Militär und im Transportwesen, und dann blieb eben nicht viel übrig für die Menschen im Lande. Dennoch gab es nicht genug Leder, und so wurden sogar Frauenhaare gesammelt, um daraus Treibriemen zu fertigen (siehe BZ vom 2. Februar 1917).

Der Artikel oben könnte zumindest einen Teil der Anfang 1917 häufigen Treibriemendiebstähle (siehe z.B. BZ vom 2. und 9. Januar, 7. Februar und 14. März 1917) erklären: Treibriemen wurden zu Schuhsohlen umgearbeitet, denn stabiles Leder brauchte man für die einen wie für die anderen. Im Juli wurden dann sogar die Schumacher verpflichtet, alle Personen, die ihnen Leder brachten, welches „seiner Beschaffenheit nach von Treibriemen herrühren kann“, bei der Polizei zu melden, wenn sie nicht ein Jahr Gefängnis riskieren wollten (siehe BZ vom 2. Juli 1917).

Bergedorfer Zeitung, 7. Februar 1917

Bergedorfer Zeitung, 7. Februar 1917

Natürlich wurden nicht nur Treibriemen gestohlen, wobei man unter den Dieben durchaus „Profis“ vermuten darf, sondern vor allem Lebensmittel (und Lebensmittelmarken), was dann in vielen Fällen Gelegenheitsdieben, die einer Versuchung nicht widerstehen konnten, zuzuschreiben war, wie nicht nur der nebenstehende Artikel zeigt, sondern ebenso die häufigen Berichte über Strafprozesse vor dem Amtsgericht Bergedorf.

Bergedorfer Zeitung, 28. Februar 1917

Bergedorfer Zeitung, 28. Februar 1917

Alle Bergedorferinnen und Bergedorfer, die mit durchgelaufenen Sohlen herumlaufen mussten, werden darauf gehofft haben, dass tatsächlich „Ausgleich durch Ersatzfabrikate rechtzeitig in die Wege geleitet“ worden war – vorerst musste man sich mit dem „Patent-Sohlenschoner ‚Antoria‘“ behelfen, den man bei Hartig Eggers, Sachsenstraße 18 und Brauerstraße 15/17, erwerben konnte, oder man wich auf Holzpantoffeln aus, die immer wieder angeboten wurden (siehe z.B. BZ vom 8. Oktober 1916 und 23. April und 9. Juni 1917). Aus welchem Material die genannten Sohlenschoner hergestellt wurden, ist nicht eindeutig zu klären; ein passendes deutsches Patent war mittels Online-Recherche beim Deutschen Patent- und Markenamt nicht auffindbar, wohl aber ein schweizerisches: am 23. Oktober 1916 hatte L. P. tho Seeth aus Altona sein Sohlenschoner-Patent beim Schweizerischen Amt für Geistiges Eigentum angemeldet. Die Vorrichtung bestand aus einer Metalleinfassung, die ein „Deckstück“ umschloss, das aus Leder oder Linoleum, getränktem Filz, Fiber oder Holz bestehen konnte, und die mit Schrauben o.ä. auf der Sohle befestigt wurde. Die Verwendung von Linoleum passt zu einer Meldung aus dem Vorjahr: von der Treppe eines Hauses in der Großen Straße war der Linoleumbelag heruntergeschnitten worden, „um aller Wahrscheinlichkeit nach zu Stiefel-Sohlen benutzt zu werden.“ (BZ vom 24. März 1916)

 

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