Heute würden die Alarmglocken schrillen – 1926 war die Lehrerschaft in Sande sehr angetan von dem Angebot Eduard Reimpells, „seine Wissenschaft der Wesenskunde“ in den Dienst der Berufsberatung zu stellen und dafür ein Honorar zu verlangen. Er wollte auf der Grundlage von ihm entdeckter Gesetzmäßigkeiten das „Wesen“ eines Menschen diagnostizieren und für die Berufswahl nutzbar machen, hilfsweise auch nur nach Handschrift und Foto.
Seine „Wesensbestimmung“ beschränkte sich auf äußerliche Merkmale, wobei er vorgab, „aus der Gestaltung der Hände und des Kopfes, insbesondere des Gesichts, Schlüsse … über die Anlagen des Geistes und Charakters eines Menschen sowie auch über seine Rassenabstammung“ ziehen zu können (Bericht über einen früher gehaltenen Vortrag, BZ vom 18. Januar 1926).
Es gelang Reimpell offenbar, seine Zuhörerschaft in Sande von der „Notwendigkeit besonderer wesenskundlicher Untersuchungen“ zu überzeugen: die Versammlung von Eltern beschloss, „die Gemeinde um die Bewilligung der nötigen Mittel zu ersuchen“ (BZ vom 24. September 1926). Ob die Gemeinde das Geld zur Verfügung stellte, war der BZ nicht zu entnehmen. – aber hoffentlich verweigerte sie sich dem Anliegen.
Zur Einschätzung der Seriosität Reimpells mag beitragen, dass er in der Zeitschrift für Parapsychologie (Direktlink zum Artikel) als „Charakterologe und Hellseher“ bezeichnet wurde, als „Medium und Forscher zugleich“, der „odsensitiv“ sei wie der Jahre vorher in Bergedorf aktive Okkultist Weyrauch. Reimpell kooperierte und publizierte zu Synästhesien mit dem unter den Nationalsozialisten reüssierenden Hamburger Psychologen Georg Anschütz.


