Wer waren die Angreifer, wer die Angegriffenen? Die Darstellungen der kommunistischen „Hamburger Volkszeitung“ (HVZ) und der nationalkonservativen Bergedorfer Zeitung waren erschreckende Meisterleistungen in verkürzendem und einseitigem Journalismus: auf der jeweils eigenen Seite standen angeblich die Unschuldslämmer, auf der anderen die blutrünstigen Wölfe. Auch die weiteren Artikel der folgenden Zeit änderten hieran nur wenig – was wirklich geschah, wird sich wohl nicht mehr aufklären lassen: der Richter des Prozesses, der aus dem Vorfall resultierte, konstatierte, „der Sachverhalt [sei] nur kümmerlich festgestellt worden“ (BZ vom 16. April 1927).
Soweit aus den Zeitungen rekonstruierbar, trafen in der Wentorfer Straße in Bergedorf am 19. Juli 1926 spätabends Mitglieder des Roten Frontkämpferbundes (RFB), die mit drei Lastkraftwagen auf dem Rückweg nach Berlin waren, auf eine Gruppe von Mitgliedern des Niedersachsenrings (NSR), einer paramilitärischen Organisation mit Verbindungen zu Jung-Bergedorf – vermutlich waren alle Beteiligten in ihre jeweiligen Uniform gekleidet (mit Ausnahme des Polizisten, der geschossen hatte). Vielleicht genügte der Anblick der gegnerischen Uniform als Provokation, vielleicht gab es zuerst Steinwürfe seitens des NSR, vielleicht gab es zuerst das Absitzen seitens des RFB – vor Gericht bestritten beide Seiten, auch nur den geringsten Anlass zu einer Auseinandersetzung gegeben zu haben. Ob der Polizist, der den RFBler Hoffmann mit einem Schuss verletzte, Mitglied des NSR war, wurde behauptet (HVZ) und dann bestritten (NSR).
An dem Abend war es laut BZ der Bergedorfer KPD-Abgeordnete Seß, der den Konflikt beendete, indem er die Berliner zum Abzug überredete – in der HVZ wurde Seß nicht erwähnt, nur (wie in der BZ) die Kritik zweier SPD-Stadtvertreter am Polizeieinsatz, die eine „schonungslose Untersuchung“ verlangten. Doch es gab nur den Prozess gegen den verwundeten RFBler, der wegen Landfriedensbruchs zu drei Monaten Gefängnis verurteilt wurde, die weiteren Angeklagten erhielten Freisprüche.
Die vorstehende Darstellung stützt sich auf die BZ vom 20., 21., 24. und 27. Juli 1926 sowie vom 16. April 1927, der HVZ vom 20., 23., 27., 28. Juli und 4. August 1926. Ein Prozessbericht der HVZ wäre eine wertvolle Quelle gewesen, aber es besteht leider eine Bestandslücke für das zweite Quartal 1927. In anderen Hamburger Zeitungen tauchte der Vorfall gar nicht auf – er war wohl zu klein und unbedeutend. Ähnliches gilt für eine Auseinandersetzung zwischen Rotem Frontkämpferbund und Niedersachsenring in Reinbek, die wenige Tage vorher passiert war (siehe z.B. BZ vom 12., 13., 14. Juli, 28. September 1926 und 2., 3., 4. und 11. Februar 1927 sowie HVZ vom 29. Juli, 1. Oktober 1926 sowie 29. Januar, 1., 4., 11. und 15. Februar).
Die politische Gewalt nahm zu, das Ende der Weimarer Republik rückte näher, auch in und um Bergedorf.



