{"id":9094,"date":"2020-12-21T07:00:10","date_gmt":"2020-12-21T06:00:10","guid":{"rendered":"http:\/\/blogs.sub.uni-hamburg.de\/bergedorf\/?p=9094"},"modified":"2020-12-16T18:47:11","modified_gmt":"2020-12-16T17:47:11","slug":"nr-51-20-der-pulverpatriarch-geht","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.sub.uni-hamburg.de\/bergedorf\/?p=9094","title":{"rendered":"Der Pulverpatriarch geht"},"content":{"rendered":"<div id=\"attachment_9097\" style=\"width: 280px\" class=\"wp-caption alignright\"><a href=\"https:\/\/blogs.sub.uni-hamburg.de\/bergedorf\/wp-content\/uploads\/2020\/12\/1220-2-Duttenhofer.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-9097\" class=\"wp-image-9097\" src=\"https:\/\/blogs.sub.uni-hamburg.de\/bergedorf\/wp-content\/uploads\/2020\/12\/1220-2-Duttenhofer.jpg\" alt=\"\" width=\"270\" height=\"328\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-9097\" class=\"wp-caption-text\">Bergedorfer Zeitung, 20. Dezember 1920<\/p><\/div>\n<p>Er war vom ersten Tag an der Chef gewesen: Carl Duttenhofer war als Generaldirektor der <a href=\"http:\/\/www.industriemuseum-geesthacht.de\/html\/max_von_duttenhofer.html\">Pulverfabrik D\u00fcneberg<\/a> der Verantwortliche f\u00fcr ihren Aufbau und ihren Aufstieg gewesen, machte Gesch\u00e4fte mit dem Tod. Er erlebte die Stilllegung des Werks nach dem Ende des Ersten Weltkriegs und schlie\u00dflich die Umstellung auf \u201eFriedensproduktion\u201c. Nun ging er.<\/p>\n<p>Die BZ war voll des Lobes \u00fcber ihn, der \u00fcbrigens in Bergedorf (Wentorfer Stra\u00dfe 66, siehe <a href=\"https:\/\/agora.sub.uni-hamburg.de\/subhh-adress\/digbib\/view?did=c1:223086&amp;sdid=c1:223111&amp;hit=1\">Adressbuch f\u00fcr die Landherrenschaft Bergedorf 1896<\/a>) gewohnt hatte: ein wohlwollender, hilfsbereiter Herr, der jeden anh\u00f6rte und bei dem jeder Unterst\u00fctzung fand. Das allerdings war nur ein Teil der Wahrheit.<\/p>\n<p>Im Sinne des Artikels kann man positiv sagen, dass im Raum Geesthacht durch die Pulverfabrik direkt und indirekt tausende Arbeitspl\u00e4tze entstanden (die dann nach Kriegsende gr\u00f6\u00dftenteils wegfielen), und dass das Werk betr\u00e4chtliche Summen f\u00fcr das Wohlergehen der Besch\u00e4ftigten einsetzte: zum Beispiel konnten die Arbeiterinnen und Arbeiter der Pulverfabrik in den Kriegsjahren Extrarationen zu reduzierten Preisen in der firmeneigenen Konsumanstalt einkaufen (siehe den Beitrag zur <a href=\"https:\/\/blogs.sub.uni-hamburg.de\/bergedorf\/?p=4477\">Sonderversorgung der Industrie<\/a>). Ein bei <a href=\"https:\/\/kataloge.uni-hamburg.de\/DB=1\/XMLPRS=N\/PPN?PPN=161809383\">Gruber<\/a> (S. 43-45) wiedergegebener Bericht der Fabrik \u00fcber die geschaffenen Wohlfahrtseinrichtungen f\u00fchrt u.a. die Arbeitersiedlungen, \u201eSpeiseanstalten\u201c, die Wasch- und Bader\u00e4ume, die Gestellung von Arbeitskleidung und Fahrgeldverg\u00fctung als Leistungen an. All das klingt positiv und wohlwollend-hilfsbereit, aber es lag sicher ebenso im Interesse der Werksleitung, um eine m\u00f6glichst reibungslose Produktion zu sichern. Diesem Zweck d\u00fcrften, wenn auch weniger direkt, weitere Einrichtungen wie eine dreiklassige Schule, eine Kinderkrippe, Gottesdienstr\u00e4ume f\u00fcr die evangelische und die katholische Kirche sowie verschiedene Spenden gedient haben.<\/p>\n<p>Andererseits: die Arbeit war gesundheitssch\u00e4dlich und gef\u00e4hrlich; 1917 zahlte die Firma 160.619,50 Mark als Ausgleich an \u201ein unverschuldeter Weise durch Betriebsunfall arbeitsunf\u00e4hig\u201c gewordene Arbeiterinnen und Arbeiter (Gruber, S. 45), und auch t\u00f6dliche Unf\u00e4lle passierten (siehe den Beitrag <a href=\"https:\/\/blogs.sub.uni-hamburg.de\/bergedorf\/?p=4622\">Betriebsst\u00f6rungen und t\u00f6dliche Unf\u00e4lle<\/a>, auch Gruber, S. 30), \u00fcber deren Zahl wegen der Zensur nur wenig in Erfahrung zu bringen war.<\/p>\n<p>Nach einer biographischen Notiz zu Carl Duttenhofer auf den <a href=\"https:\/\/www.geesthacht.de\/index.php?ModID=7&amp;FID=25.4617.1&amp;object=tx%7C25.4617.1\">Internetseiten der Stadt Geesthacht<\/a> war er ein \u201eSozialistenfresser\u201c, der den Arbeitern verbot, Butterbrote in die Fabrik zu bringen, wenn sie in eine sozialdemokratische Zeitung eingeschlagen waren. Das entspricht durchaus dem Klischeebild eines patriarchalischen Industriellen des 19. Jahrhunderts.<\/p>\n<div id=\"attachment_9126\" style=\"width: 280px\" class=\"wp-caption alignright\"><a href=\"https:\/\/blogs.sub.uni-hamburg.de\/bergedorf\/wp-content\/uploads\/2020\/12\/Anlage-Duttenhofer-Sept.-2020-reduz.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-9126\" class=\"wp-image-9126\" src=\"https:\/\/blogs.sub.uni-hamburg.de\/bergedorf\/wp-content\/uploads\/2020\/12\/Anlage-Duttenhofer-Sept.-2020-reduz.jpg\" alt=\"\" width=\"270\" height=\"164\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-9126\" class=\"wp-caption-text\">Anlage vor dem Verwaltungsgeb\u00e4ude der Pulverfabrik (Foto Angelika Reinert, September 2020)<\/p><\/div>\n<p>Auf der eben angef\u00fchrten Internetseite hei\u00dft es auch, dass eine B\u00fcste Duttenhofers \u201eheute an der Ecke D\u00fcneberger Stra\u00dfe\/Am Moor\u201c steht. Sie stand urspr\u00fcnglich vor dem Verwaltungsgeb\u00e4ude der Pulverfabrik in der heutigen Lichterfelder Stra\u00dfe, und dort befindet sich noch der Sockel mit Inschrift und den beiden umrahmenden Sitzb\u00e4nken. Die B\u00fcste (ein Werk Prof. Lederers, BZ vom 31. Mai 1921) selbst wurde allerdings bereits vor einem Jahrzehnt gestohlen, wie die <a href=\"https:\/\/www.bergedorfer-zeitung.de\/archiv\/geesthacht\/article112578879\/Duttenhofer-ist-weg.html\">Bergedorfer Zeitung am 7. Dezember 2010<\/a> meldete.<\/p>\n<div id=\"attachment_9127\" style=\"width: 280px\" class=\"wp-caption alignright\"><a href=\"https:\/\/blogs.sub.uni-hamburg.de\/bergedorf\/wp-content\/uploads\/2020\/12\/Sockel-Duttenhofer-Sept.-2020-reduz.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-9127\" class=\"wp-image-9127\" src=\"https:\/\/blogs.sub.uni-hamburg.de\/bergedorf\/wp-content\/uploads\/2020\/12\/Sockel-Duttenhofer-Sept.-2020-reduz.jpg\" alt=\"\" width=\"270\" height=\"335\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-9127\" class=\"wp-caption-text\">Sockel der B\u00fcste Duttenhofers (Foto Angelika Reinert, September 1920)<\/p><\/div>\n<p>Vielleicht spricht sich das ja auch bis in die Internetredaktion des Geesthachter Rathauses herum und f\u00fchrt zu einer Text\u00e4nderung. Bei der Gelegenheit k\u00f6nnten auch die dort genannten Lebensdaten Carl Duttenhofers korrigiert werden: er lebte nicht 1872-1921, sondern von 1849 bis 1921, sonst w\u00e4re er ja als F\u00fcnfj\u00e4hriger Generaldirektor geworden. Das (unerkl\u00e4rliche) Datum 1872 ist \u00fcbrigens auch auf dem B\u00fcstensockel eingemei\u00dfelt, aber das wird wohl so bleiben.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Er war vom ersten Tag an der Chef gewesen: Carl Duttenhofer war als Generaldirektor der Pulverfabrik D\u00fcneberg der Verantwortliche f\u00fcr ihren Aufbau und ihren Aufstieg gewesen, machte Gesch\u00e4fte mit dem Tod. 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