{"id":8759,"date":"2020-10-26T07:00:36","date_gmt":"2020-10-26T06:00:36","guid":{"rendered":"http:\/\/blogs.sub.uni-hamburg.de\/bergedorf\/?p=8759"},"modified":"2025-01-12T09:58:30","modified_gmt":"2025-01-12T08:58:30","slug":"nr-43-20-die-maul-und-klauenseuche-und-das-kussverbot","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.sub.uni-hamburg.de\/bergedorf\/?p=8759","title":{"rendered":"Die Maul- und Klauenseuche und das Kussverbot"},"content":{"rendered":"<div id=\"attachment_8762\" style=\"width: 280px\" class=\"wp-caption alignright\"><a href=\"https:\/\/blogs.sub.uni-hamburg.de\/bergedorf\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/1020-2-MKS.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-8762\" class=\"wp-image-8762\" src=\"https:\/\/blogs.sub.uni-hamburg.de\/bergedorf\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/1020-2-MKS.jpg\" alt=\"\" width=\"270\" height=\"74\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-8762\" class=\"wp-caption-text\">Bergedorfer Zeitung, 20. Oktober 1920<\/p><\/div>\n<p>Im Gegensatz zu anderen Viren war und ist der Erreger der Maul- und Klauenseuche f\u00fcr die Menschen keine Bedrohung \u2013 f\u00fcr Klauentiere, d.h. Rinder, Schweine, Schafe und Ziegen, aber sehr gef\u00e4hrlich: die hochansteckende Krankheit f\u00fchrt oft zum Tode.<\/p>\n<p>Das Virus war 1898 von Friedrich Loeffler und Paul Frosch entdeckt und beschrieben worden, wie anschaulich auf einer <a href=\"https:\/\/www.rki.de\/DE\/Content\/Institut\/Geschichte\/Bildband_Salon\/1921-1930.html\">Seite des Robert-Koch-Instituts<\/a> nachzulesen ist (die Darstellungen auf den Seiten des <a href=\"https:\/\/www.fli.de\/de\/startseite\/\">Friedrich-Loeffler-Instituts<\/a> haben andere Schwerpunkte): den Forschern gelang damit der erste Nachweis eines tierischen Virus, und sie gelten heute als (Mit-)Begr\u00fcnder der Virologie.<\/p>\n<p>1920 breitete sich die Seuche rasant aus: die erste Meldung der BZ dazu gab an, dass in der Provinz Schleswig-Holstein 1967 Geh\u00f6fte betroffen waren; Ende September war diese Zahl auf 16.109 gestiegen \u2013 erst im Oktober gab es dort sinkende Zahlen (BZ vom 10. August und 18. November).<\/p>\n<div id=\"attachment_8764\" style=\"width: 145px\" class=\"wp-caption alignright\"><a href=\"https:\/\/blogs.sub.uni-hamburg.de\/bergedorf\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/0824-4-zu-sp\u00e4t.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-8764\" class=\"wp-image-8764\" src=\"https:\/\/blogs.sub.uni-hamburg.de\/bergedorf\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/0824-4-zu-sp\u00e4t.jpg\" alt=\"\" width=\"135\" height=\"107\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-8764\" class=\"wp-caption-text\">BZ, 24. August 1920<\/p><\/div>\n<p>Vorsichtige Landwirte werden auf die Anzeige, die der Curslacker Ernst Rieck platzierte, mit gro\u00dfem Interesse geblickt haben, und wer eine Versicherung \u2013 \u201eehe es zu sp\u00e4t!\u201c \u2013 abschloss, konnte die weitere Ausbreitung etwas entspannter betrachten: der Raum Bergedorf verzeichnete die ersten F\u00e4lle im August (je ein Geh\u00f6ft in Sande\/Lohbr\u00fcgge und Allerm\u00f6he, BZ vom 13. und 30. August), im September gab es zahlreiche Meldungen aus allen Vierl\u00e4nder und Marschl\u00e4nder Gemeinden, und so wurde \u00fcber weite Teile dieser Gebiete eine \u201eSperre\u201c verh\u00e4ngt, d.h. dass Tiere eines betroffenen Viehhalters auf dem Geh\u00f6ft verbleiben mussten. Schon vorher hatten die Landherrenschaften verf\u00fcgt, dass Unbefugte Weiden mit Klauentieren nicht betreten durften, um eine Verschleppung der Seuche zu verh\u00fcten, und sie verboten die Abhaltung von Viehm\u00e4rkten \u201ebis auf weiteres\u201c: erst am 21. Februar 1921 fand der Bergedorfer Schweinemarkt wieder statt (BZ vom 18. und 21. Februar 1921), am 2. M\u00e4rz 1921 dann meldete die BZ, dass die Landherrenschaft alle Absperr- und anderen Schutzma\u00dfnahmen aufgehoben hatte.<\/p>\n<p>Im Kreis Herzogtum Lauenburg waren sogar alle Tanzlustbarkeiten in den betroffenen Gemeinden untersagt worden (BZ vom 9., 14. und 23. September) \u2013 so weit gingen die Einschr\u00e4nkungen auf Hamburger Gebiet nicht: es wurde weiter fr\u00f6hlich gefeiert, sogar der Ziegenzuchtverein Neuengamme Oberw\u00e4rts veranstaltete am 24. Oktober einen \u201eGro\u00dfen Ball verbunden mit Preiskegeln\u201c (BZ vom 2. und 20. Oktober) und schuf so eine gute Gelegenheit zur weiteren Verbreitung des Virus.<\/p>\n<div id=\"attachment_8765\" style=\"width: 145px\" class=\"wp-caption alignright\"><a href=\"https:\/\/blogs.sub.uni-hamburg.de\/bergedorf\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/1112-6-Kussverbot.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-8765\" class=\"wp-image-8765\" src=\"https:\/\/blogs.sub.uni-hamburg.de\/bergedorf\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/1112-6-Kussverbot.jpg\" alt=\"\" width=\"135\" height=\"267\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-8765\" class=\"wp-caption-text\">BZ, 12. November 1920<\/p><\/div>\n<div id=\"attachment_8767\" style=\"width: 280px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"https:\/\/blogs.sub.uni-hamburg.de\/bergedorf\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/1110-6-Kussverbot-kommt.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-8767\" class=\"wp-image-8767\" src=\"https:\/\/blogs.sub.uni-hamburg.de\/bergedorf\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/1110-6-Kussverbot-kommt.jpg\" alt=\"\" width=\"270\" height=\"169\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-8767\" class=\"wp-caption-text\">Bergedorfer Zeitung, 10. November 1920<\/p><\/div>\n<p>Von der heiteren Seite betrachtete der Inhaber des Hansa-Kinos in Bergedorf, wo es auch zwei Seuchen-Meldungen gegeben hatte (BZ vom 21. und 28. Oktober), die ganze Sache, wobei nicht gekl\u00e4rt ist, ob er auch der Knittelpoet war: dass \u201eDas Ku\u00dfverbot\u201c eine Biedermeier-Filmoperette war, enth\u00fcllte er erst in einer weiteren Anzeige am folgenden Tag. Nicht jeder wird das alles lustig gefunden haben.<\/p>\n<div id=\"attachment_8769\" style=\"width: 280px\" class=\"wp-caption alignright\"><a href=\"https:\/\/blogs.sub.uni-hamburg.de\/bergedorf\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/1028-3-Contrastosa.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-8769\" class=\"wp-image-8769\" src=\"https:\/\/blogs.sub.uni-hamburg.de\/bergedorf\/wp-content\/uploads\/2020\/10\/1028-3-Contrastosa.jpg\" alt=\"\" width=\"270\" height=\"69\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-8769\" class=\"wp-caption-text\">Bergedorfer Zeitung, 28. Oktober 1920<\/p><\/div>\n<p>Was konnte man gegen das Virus tun? Man kann davon ausgehen, dass die Waschungen mit \u201eContrastosa\u201c den Tieren nicht geholfen haben, aber vielleicht haben sie ja auch nicht geschadet. Die vom Tierseucheninstitut der Landwirtschaftskammer Schleswig-Holstein empfohlene \u201eBlutimpfung\u201c (BZ vom 11. November) wird ebenso wirkungslos gewesen sein. Immerhin: das Reichsgesundheitsamt wollte \u201eunter der Beteiligung m\u00f6glichst vieler hierzu geeigneter Institute im Reiche eine gesteigerte Forschungst\u00e4tigkeit\u201c zur Bek\u00e4mpfung der Seuche finanzieren (BZ vom 1. November). Besser w\u00e4re das Forschungsgeld wohl auf das von Loeffler gegr\u00fcndete Institut konzentriert worden \u2013 nach Angaben des <a href=\"https:\/\/www.fli.de\/de\/ueber-das-fli\/friedrich-loeffler\/#page\">Friedrich-Loeffler-Instituts zur Vita Loefflers<\/a> gelang es dem 1915 verstorbenen Loeffler selbst, \u201edas erste Schutzserum gegen die Maul- und Klauenseuche herzustellen, das jedoch aus Kostengr\u00fcnden nicht zur Anwendung kam.\u201c Im Gegensatz dazu hei\u00dft es auf der oben bereits angef\u00fchrten Seite des Robert-Koch-Instituts: \u201eDoch erst 1938 wird es den Wissenschaftlern dort [i.e. an Loefflers Institut] gelingen, einen Impfstoff gegen die Tierseuche zu entwickeln.\u201c Der Widerspruch ist hier nicht aufzul\u00f6sen; vielleicht gelingt es anderen.<\/p>\n<p>Der letzte Ausbruch der Maul- und Klauenseuche in Deutschland wurde 1988 registriert. UPDATE 2025: 1988 war der vorletzte Ausbruch, der (vorerst?) letzte liegt nur wenige Tage zur\u00fcck.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Im Gegensatz zu anderen Viren war und ist der Erreger der Maul- und Klauenseuche f\u00fcr die Menschen keine Bedrohung \u2013 f\u00fcr Klauentiere, d.h. Rinder, Schweine, Schafe und Ziegen, aber sehr gef\u00e4hrlich: die hochansteckende Krankheit f\u00fchrt oft zum Tode. 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