{"id":13187,"date":"2023-10-30T07:00:53","date_gmt":"2023-10-30T06:00:53","guid":{"rendered":"https:\/\/blogs.sub.uni-hamburg.de\/bergedorf\/?p=13187"},"modified":"2023-10-29T16:58:12","modified_gmt":"2023-10-29T15:58:12","slug":"nr-44-23-unruhen-in-bergedorf-und-sande","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/blogs.sub.uni-hamburg.de\/bergedorf\/?p=13187","title":{"rendered":"Unruhen in Bergedorf und Sande"},"content":{"rendered":"<div id=\"attachment_13182\" style=\"width: 280px\" class=\"wp-caption alignright\"><a href=\"https:\/\/blogs.sub.uni-hamburg.de\/bergedorf\/wp-content\/uploads\/2023\/10\/231023-3-Komm.-Unruhen-HH.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-13182\" class=\"wp-image-13182\" src=\"https:\/\/blogs.sub.uni-hamburg.de\/bergedorf\/wp-content\/uploads\/2023\/10\/231023-3-Komm.-Unruhen-HH-300x271.jpg\" alt=\"\" width=\"270\" height=\"244\" srcset=\"https:\/\/blogs.sub.uni-hamburg.de\/bergedorf\/wp-content\/uploads\/2023\/10\/231023-3-Komm.-Unruhen-HH-300x271.jpg 300w, https:\/\/blogs.sub.uni-hamburg.de\/bergedorf\/wp-content\/uploads\/2023\/10\/231023-3-Komm.-Unruhen-HH-768x694.jpg 768w, https:\/\/blogs.sub.uni-hamburg.de\/bergedorf\/wp-content\/uploads\/2023\/10\/231023-3-Komm.-Unruhen-HH.jpg 871w\" sizes=\"auto, (max-width: 270px) 100vw, 270px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-13182\" class=\"wp-caption-text\">Bergedorfer Zeitung, 23. Oktober 1923<\/p><\/div>\n<p>Am 23. Oktober sch\u00fcttelten viele BZ-Leser sicher den Kopf \u00fcber die Vorkommnisse im Eisenwerk (siehe den Beitrag <a href=\"https:\/\/blogs.sub.uni-hamburg.de\/bergedorf\/?p=13178\">Unruhen in Hamburg &#8211; Nervosit\u00e4t in Bergedorf<\/a>), aber wirklich besorgt werden sie nicht gewesen sein. Das \u00e4nderte sich mit der Lekt\u00fcre der folgenden Ausgabe, die \u00fcber den weiteren Verlauf des 23. und \u00fcber den 24. Oktober berichtete.<\/p>\n<p>Laut BZ lag zwar \u201eein Grund zur Beunruhigung nicht vor\u201c, doch die Ereignisse waren schon gravierend: in den gr\u00f6\u00dften Betrieben von Bergedorf und Sande setzten Kommunisten mit Erwerbslosen und Arbeitern einen Streik durch, am Bahnhof wurden Arbeitswillige zur\u00fcckgehalten. Der Versuch, das Schloss mit der Polizeiwache zu erst\u00fcrmen, misslang allerdings.<\/p>\n<div id=\"attachment_13206\" style=\"width: 280px\" class=\"wp-caption alignright\"><a href=\"https:\/\/blogs.sub.uni-hamburg.de\/bergedorf\/wp-content\/uploads\/2023\/10\/231025-3-TgB-Krawall-1.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-13206\" class=\"wp-image-13206\" src=\"https:\/\/blogs.sub.uni-hamburg.de\/bergedorf\/wp-content\/uploads\/2023\/10\/231025-3-TgB-Krawall-1.jpg\" alt=\"\" width=\"270\" height=\"501\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-13206\" class=\"wp-caption-text\">Bergedorfer Zeitung, 25. Oktober 1923<\/p><\/div>\n<p>Am 24. Oktober nachmittags und abends eskalierte die Situation, wie die BZ am 25. Oktober meldete: die Bergedorfer Polizei ging gegen die Pl\u00fcnderung von Waffengesch\u00e4ften und eine zweite versuchte Schlossbesetzung vor, und als dann Polizeikr\u00e4fte aus Hamburg eintrafen, wurde scharf geschossen: es gab Tote und Verletzte, und schlie\u00dflich setzte sich die Polizei durch: es gab eine gr\u00f6\u00dfere Zahl von Verhaftungen und \u201ezahlreiche Waffen\u201c wurden beschlagnahmt. In Bergedorf wie in Hamburg und dem preu\u00dfischen Schiffbek war der \u201eabenteuerliche Putschversuch der Hamburger Kommunisten\u201c, wie ihn <a href=\"https:\/\/kataloge.hh.gbv.de\/DB=1\/XMLPRS=N\/PPN?PPN=374872317\">Alfred Dreckmann<\/a> (S. 55) charakterisierte, gescheitert.<\/p>\n<p>Die Ereignisse vom 23. und 24. Oktober besch\u00e4ftigten Bergedorf aber noch l\u00e4nger, vor allem der Polizeieinsatz: die Bergedorfer Polizei wehrte sich via Zeitung gegen \u201eunverantwortliche Ger\u00fcchte \u2026 der gesch\u00e4ftigen Fama in unserer Stadt\u201c: der Schusswaffengebrauch sei notwendig gewesen, die Ordnungskr\u00e4fte seien zuerst beschossen worden. Misshandlungen von Verhafteten habe es \u201ein keinem Falle\u201c gegeben und keiner der Inhaftierten sei auf dem Transport nach Hamburg zu Tode gekommen (BZ vom 29. Oktober). Die Stellungnahme der Polizei ist allerdings nicht uneingeschr\u00e4nkt glaubw\u00fcrdig, denn die BZ hatte zuvor berichtet, dass die Beamten die Halbstarken in den Waffenl\u00e4den und wohl auch Unschuldige verpr\u00fcgelte (BZ vom 25. Oktober) \u2013 Monate sp\u00e4ter gab es die Meldung, es werde (noch) untersucht, ob der Bergedorfer Jungnickel auf dem Gefangenentransport misshandelt und dadurch get\u00f6tet worden war (BZ vom 24. Januar 1924). Und nicht nur der KPD-B\u00fcrgervertreter Hinrichs, sondern auch der SPD-Ratmann Petersen sprach in der November-Sitzung von Magistrat und B\u00fcrgervertretung von Misshandlungen von Verhafteten. Die SPD habe beim Polizeisenator Beschwerde eingelegt und fordere, \u201edie schuldigen Beamten zur Rechenschaft zu ziehen\u201c (BZ vom 28. November). Bergedorfs SPD-B\u00fcrgermeister Wiesner dagegen hatte im Namen des Magistrats den eingesetzten Bergedorfer und Hamburger Polizisten \u201ef\u00fcr die vorz\u00fcgliche und aufopfernde T\u00e4tigkeit bei der Unterdr\u00fcckung der Unruhen\u201c schriftlich gedankt (BZ vom 8. November), \u00e4hnlich vorher der Landherr Senator Stubbe (BZ vom 30. Oktober).<\/p>\n<p>Unterschiedlich wurde auch die Rolle der \u201eproletarischen Hundertschaften\u201c der KPD bewertet: nach Hinrichs Ansicht h\u00e4tte man sie \u201enicht ernst zu nehmen brauchen\u201c, in den Augen Petersens sei der ganze \u201eBergedorfer Putsch nichts weiter als Hokuspokus gewesen\u201c, Wiesner dagegen nahm die Hundertschaften durchaus ernst (BZ vom 28. November). Die Mitgliederlisten der (bewaffneten) Hundertschaften fand die Polizei \u00fcbrigens in der Wohnung des \u00f6rtlichen KPD-Vorstandsmitglieds Ernst Henning (BZ vom 1. Dezember), der ebenso wie der gleichfalls untergetauchte Bergedorfer KPD-Vorsitzende Dr\u00f6se wegen Aufruhrs und Hochverrats polizeilich gesucht wurde (BZ vom 5. Januar 1924).<\/p>\n<div id=\"attachment_13194\" style=\"width: 280px\" class=\"wp-caption alignright\"><a href=\"https:\/\/blogs.sub.uni-hamburg.de\/bergedorf\/wp-content\/uploads\/2023\/10\/240327-2-Urteile-nach-Krawall.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-13194\" class=\"wp-image-13194\" src=\"https:\/\/blogs.sub.uni-hamburg.de\/bergedorf\/wp-content\/uploads\/2023\/10\/240327-2-Urteile-nach-Krawall-171x300.jpg\" alt=\"\" width=\"270\" height=\"473\" srcset=\"https:\/\/blogs.sub.uni-hamburg.de\/bergedorf\/wp-content\/uploads\/2023\/10\/240327-2-Urteile-nach-Krawall-171x300.jpg 171w, https:\/\/blogs.sub.uni-hamburg.de\/bergedorf\/wp-content\/uploads\/2023\/10\/240327-2-Urteile-nach-Krawall-584x1024.jpg 584w, https:\/\/blogs.sub.uni-hamburg.de\/bergedorf\/wp-content\/uploads\/2023\/10\/240327-2-Urteile-nach-Krawall-768x1346.jpg 768w, https:\/\/blogs.sub.uni-hamburg.de\/bergedorf\/wp-content\/uploads\/2023\/10\/240327-2-Urteile-nach-Krawall.jpg 856w\" sizes=\"auto, (max-width: 270px) 100vw, 270px\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-13194\" class=\"wp-caption-text\">Bergedorfer Zeitung, 27. M\u00e4rz 1924<\/p><\/div>\n<p>Von den 84 vor das Hamburger Landesgericht gestellten Verhafteten sprach das Gericht nur eine Minderheit der Beihilfe zum Hochverrat bzw. der Vorbereitung desselben schuldig: diese neun Personen wurden zu <a href=\"https:\/\/de.wikipedia.org\/wiki\/Festungshaft\">Festungshaft<\/a> verurteilt, 17 Angeklagte wurden freigesprochen. Die meisten Urteile ergingen wegen Land- und Hausfriedensbruchs sowie Pl\u00fcnderungen zu Gef\u00e4ngnisstrafen, weil die T\u00e4ter nicht den Umsturz beabsichtigt, sondern sich wegen der \u201eschweren wirtschaftlichen Not\u201c beteiligt h\u00e4tten (BZ vom 27. M\u00e4rz 1924).<\/p>\n<p>Das sah B\u00fcrgermeister Wiesner wohl \u00e4hnlich: er hatte schon bald nach dem Putsch Hilfe f\u00fcr die Familien der Verhafteten angek\u00fcndigt: \u201eWo Not vorhanden ist, wird das Wohlfahrtsamt ohne Ansehen der Person helfen\u201c (BZ vom 28. November 1923).<\/p>\n<p>F\u00fcr die zwei Get\u00f6teten, die laut BZ beide unbeteiligt waren, \u00fcbernahm die Stadt Bergedorf die Beerdigungskosten (BZ vom 31. Oktober 1923). Einer der Verletzten starb knapp zwei Wochen sp\u00e4ter (BZ vom 6. November), womit die Zahl der Todesopfer auf drei stieg, was aber von der Geschichtsschreibung bisher nicht erfasst wurde.<\/p>\n<p>Die Hamburger Unruhen sind Thema der noch bis zum 7. Januar 2024 laufenden Ausstellung<span class=\"sub-title\"><a href=\"https:\/\/www.shmh.de\/ausstellungen\/hamburg-1923\/\"> Hamburg 1923 &#8211; Die bedrohte Stadt<\/a> im Museum f\u00fcr Hamburgische Geschichte. Der dazu von Ortwin Pelc und Olaf Matthes herausgegebene Sammelband <a href=\"https:\/\/kataloge.hh.gbv.de\/DB=1\/XMLPRS=N\/PPN?PPN=1851500367\">Die bedrohte Stadtrepublik. Hamburg 1923<\/a> spiegelt aus unterschiedlichsten Blickwinkeln den aktuellen Forschungsstand zu <\/span>den Hintergr\u00fcnden und Ereignissen jener Tage. Zwar spielen Bergedorf und Sande in dem Buch nur eine Nebenrolle &#8211; aber hier war eben auch nur ein Nebenschauplatz.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Am 23. Oktober sch\u00fcttelten viele BZ-Leser sicher den Kopf \u00fcber die Vorkommnisse im Eisenwerk (siehe den Beitrag Unruhen in Hamburg &#8211; Nervosit\u00e4t in Bergedorf), aber wirklich besorgt werden sie nicht gewesen sein. 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