Tagungsbericht: Zacharias Conrad von Uffenbach in seiner Zeit – Wissen und Gelehrtenkultur um 1700

Die interdisziplinär ausgerichtete Tagung „Zacharias Conrad von Uffenbach in seiner Zeit – Wissen und Gelehrtenkultur um 1700“ stellte vom 30.11-01.12.2018  frühneuzeitliche Sammlungsbestände-, Praktiken und das Selbstverständnis der Sammler in ihren Mittelpunkt.

MARKUS FRIEDRICH (Hamburg) und MONIKA MÜLLER (Hamburg) leiteten mit dem Blick auf zeitgenössische gelehrte Sammlungskonzepte zur eröffnenden Sektion über. Diese griff grundlegende Gegenstände und Fragen der frühneuzeitlichen Gelehrtenkultur auf. In seinem Beitrag zu mittelalterlichen und frühneuzeitlichen Privatbibliotheken im Alten Reich skizzierte FRANK FÜRBETH (Frankfurt am Main) den buch- und wissensgeschichtlichen Kontext der Uffenbachschen Sammlung. In seiner methodischen Annäherung arbeitete er bewusste Anschaffungsintention und begrenzte Bestandsdauer als markante Charaktereigenschaften privater Gelehrtenbibliotheken heraus. Auch sei innerhalb dieses Aspektes die Frage nach der Zugänglichkeit jener Bibliotheken zu bedenken.

Die Tagung verwies immer wieder auf den Protagonisten Uffenbach, welcher als Individuum um 1700 zwischen alten und neuen Ordnungskontexten changierte. Aus diesem Kontext sei gleichermaßen auf sein Selbstverständnis als Sammler zu verweisen, das dem intensiv praktizierten Ordnen und Sammeln einen übergeordneten Nutzen zuschrieb. Die Pflege europaweiter Gelehrtennetzwerke wurde nicht mehr nur um des Sammelns Willen verfolgt, sondern stand in Zusammenhang mit dem Gedanken der Sicherung von Wissensbeständen. Für den Umgang mit den außergewöhnlich wertvollen Beständen aus dem Kontext seiner ehemaligen Sammlung sind interdisziplinäre Zugänge nötig, deren Anstoß mit der geplanten Publikation der Tagungsbeiträge gegeben werden kann. 

Erste Vermutungen über Sammlungsintentionen- und Vorstellungen Uffenbachs stellten FRIEDERIKE BERGER (Leipzig) und KATRIN STURM (Leipzig) an. Griechische und lateinisch-deutsche Texte wie das Zeremonienbuches Kaiser Konstantinos Porphyrogennetos aus dem 10. Jahrhundert dienten für Überlegungen zu Sammler Uffenbach und Sammlungsintention. Mit dem Verkauf der bisher eindeutig zugeordneten Bestände aus seiner Sammlung an die Ratsbibliothek Leipzig folgte Uffenbach zeittypischen Praktiken der Gelehrtenkultur und sicherte Aufbewahrung, Zugänglichkeit und Edition der Handschriften.

HELMUT ZEDELMAIER (München) leitete mit einem Blick auf Uffenbachs frühes Gelehrtenleben in die zweite Sektion über. Der zentrale Begriff des Polyhistors wurde zwischen zeitgenössischer Anrede und polemischer Floskel als immer wieder neu zu beschreibende Folie vorgestellt. Ausgewählte literarische Dokumente skizzierten den europaweiten Bildungskontext Uffenbachs und die Wurzeln dessen gelehrten Sammlungsinteresses. Die Erfahrungsperspektiven gaben gleichermaßen eine Vorstellung zeitgenössischer Wissenschaftskonzepte, etwa wie „gelehrte Historie“ als Leitfaden für die Auswahl von Sammlungsobjekten verstanden und genutzt wurde.

Anschließend spannte MONIKA MÜLLER (Hamburg) den Bogen zur Praxis durch die Präsentation einiger ausgewählter Bestände der Hamburger Uffenbachiana. Handschriften verschiedener inhaltlicher Ausrichtung und Gestaltung gewähren Einblicke in thematische Vielfalt und hohe Qualität der Sammlung.

MONA GARLOFF (Stuttgart) nutzte ausgewählte Briefwechsel und das Gästebuch Uffenbachs für Überlegungen zum Sammlungserfolg des Frankfurter Bürgers. Gelehrte Beziehungsnetzwerke, gezielte Suche und Zufallsfunde ließen sich als Hauptquellen der Akquirierung beschreiben. Ebenso zeigte die Referentin alternative Versuche der Veräußerung der Sammlung über neue, kontrollierte Mechanismen wie informellen Gabentausch innerhalb des Verlegernetzwerkes auch außerhalb des deutschen Buchmarktes auf. Immer wieder wurde dabei die durchaus kritische Haltung Uffenbachs zum Verlags- und Buchhandelswesen seiner Zeit unterstrichen.

Im Anschluss reicherte ALEXANDER SCHUNKA (Berlin) das Bild Uffenbachs als zeitgenössischer Büchersammler im reichsstädtisch-protestantischem Kontext weiter an. Dem Blick auf dessen Englandreise setzte er voraus, dass die Quelle nicht zuletzt im Kontext einer irenisch motivierten Anglophilie des beginnenden 18. Jahrhunderts zu lesen sei. Dennoch ließe sie eine Vorstellung über den Zeitgenossen und Fragen nach den Nachwirkungen der Reise zu: der strukturelle Aufbau des Reiseberichtes, wiederholte Verweise auf Darstellungspraktiken und den kontinuierlichen Netzwerkausbau- und Pflege des Reisenden kennzeichnen Uffenbach auf gelehrter wie sozial-religiöser Ebene als Menschen seiner Zeit.

JULIA SCHMIDT-FUNKE (Gotha) führte in ihrem Beitrag zu den Sammlungsintentionen der Brüder Zacharias Conrad, Johann Friedrich und Wilhelm von Uffenbach Konsum- und Wissensgeschichte zusammen. Für Zacharias sei es durch Kontext und Selbstbewusstsein des bürgerlich-reichsstädtischen Milieus um 1700 zur Ausprägung entsprechender Gelehrsamkeits- und Sammlungspraktiken gekommen, welche sich in der Bücher- und Handschriftensammlung materialisierten. Für die einzelnen „Steckenpferde“ der Geschwister seien verschiedene Erklärungsansätzen denkbar. So könne etwa das Prinzip der geselligen Gelehrsamkeit, in welchem ein jeder Sammler seine eigene Nische besetzte und sich durch entsprechende Sammlungspraktiken auszeichnete, herangezogen werden.

Die Sektion schloss MONIKA MÜLLER (Hamburg) mit ihrem Einblick in dekorierte Handschriften der Uffenbachiana aus dem Bestand der SUB Hamburg, welcher neben der qualitativ überaus hohen und wertvollen Ausgestaltung der buchmalerisch dekorierten Werke deren inhaltliche Bandbreite aufzeigte. Setzt sich etwa die Hälfte der Uffenbachiana aus handschriftlichen Gebets- und Stundenbüchern sowie Psaltern zusammen, ist der buchmalerische Dekor in anderen thematischen Gruppen wie volkssprachlicher Literatur nicht weniger bemerkenswert. Der Frage nach Auswahlkriterien Uffenbachs wurde sich unter anderem mit Überlegungen zu subjektivem Schönheitsempfinden und dem Alter der Werke angenähert.

Im Abendvortrag referierte ULRICH JOHANNES SCHNEIDER (Leipzig) über die Bedeutung von Sammlungen wie der Uffenbachiana für Entstehen, Leben und Überleben frühneuzeitlicher und moderner Bibliotheken. Schenkungen stellten einen wichtigen Motor für das zeitgenössische Bibliothekswesen dar und eröffneten in diesen Räume gleichermaßen Laboratorien der Gelehrsamkeit. Der Eingang privater gelehrter Sammlungen in öffentliche Bibliotheken meinte in diesem Kontext die Aufstockung einer realen wie virtuellen Sammlung, somit Bibliotheken wiederum Bibliotheken anreichern. Den Bogen zur Gegenwart spannte Schneider durch einen Blick auf die bibliothekarische Provinienzforschung. Stellte die Herkunft der Werke um 1700 kein ausschlaggebendes Kriterium für eine Aufnahme in die Sammlung dar, so war die Provenienz in den Auktionskatalogen zumeist gar nicht verzeichnet, sollte sie doch im Kontext heutiger Bibliotheksarbeit als Minimalforderung geltend gemacht werden.

Den zweiten Tagungstag eröffnete HEIKE DÜSELDER (Lüneburg) mit einem Blick auf die durch Uffenbach thematisierten Wissens- und Sammlungsbestände der frühneuzeitlichen Hansestadt Lüneburg. Neben Rathaus und Ratsbibliothek stellte der Besuch der Naturalienkammer des Bürgermeisters Tobias Reimers den Höhepunkt seines Besuches dar. Das Aufeinandertreffen zweier Sammler mit unterschiedlichen Erwartungshaltungen zeichnet Reimers als Verkörperung eines barocken Sammlers, während Uffenbach als Typus des neuen Gelehrten und professionellen Sammlers auftritt. Die Schilderung offenbarte erneut Ordnung und Präsentation von Objekten als obersten Qualitätsmaßstab Uffenbachs, was den Bogen zu bereits thematisierten Sammlungsmustern schlug.

INES PEPER (Wien) skizzierte nachfolgend überkonfessionelle Netzwerkstrukturen anhand des Briefwechsels Uffenbachs und des Melker Benediktinerbruder Bernhard Pez. Anlass der gelehrten Zusammenarbeit bot eine Anfrage Pez um die Nutzung bisher ungedruckter mittelalterlicher Handschriften aus der Sammlung Uffenbachs zur Veröffentlichung in seinem Thesaurus anecdotorum novissimus (1721-1729). Das Verhältnis der beiden sei durch typische, zeitgenössische Gelehrtenpraktiken gekennzeichnet, welche die Konfessionsgrenzen problemlos überschritten. Strategien des gegenseitigen Profitierens sorgten auch innerhalb dieses Mikronetzwerkes für einen fruchtbaren materiellen wie geistigen Austausch und Aufrechterhaltung des von Uffenbach angestrebten Idealbildes einer aktiven Nutzung des gelehrten Wissens.

Die umfangreichen Briefwechsel des Rechtsgelehrten und ernestinischen Prinzenerziehers Friedrich Hortleder (Sup. Ep. 37/38) standen mit Fragen der Sammlungsintention Uffenbachs im Mittelpunkt des Beitrags MARCUS STIEBINGS (Jena). Dieser belegte am Beispiel der frühneuzeitlichen Korrespondenzen erneut die Motivation Uffenbachs, Wissensspeicher, hier in Form gelehrten Schriftgutes, als Vermittler einer spezifischen Gelehrsamkeit zu sichern. Die Briefe seien dabei als ergänzende Basis für das ebenfalls erworbene erzählende Schriftgut verstanden worden und lieferten durch den Nachvollzug von Urteilsbildungsprozessen Informationen über die Gelehrtenlandschaft Hortleders um 1600. Der Korpus führe Selbstverständnis und Motivbündel des Sammlers Uffenbachs im Kontext seiner Zeit zusammen.

JACOB SCHILLING (Halle) widmete sich anknüpfend Uffenbachs Interaktion mit Mitgliedern der Academia Natuare Curisorum. Überlieferte Korrespondenzen, unter anderem mit dem Stadtphysiker Gullmann oder dem Wolfenbütteler Arzt Brückmann, bildeten Strategien des gegenseitigen Profitierens ab und wiesen weitere Netzwerkstrukturen Uffenbachs zur Organisation neuer Sammlungsbestände aus. Die durch Uffenbach angestrengte Veräußerungsstrategie durch Zwischenschaltung einer dritten Person wurde anhand des alten Frankfurter Bekannten Lorenz Heisters skizziert. Vermittler Heister stellte Uffenbach Informationen und Kontakte, die dieser für gezielte Tauschgeschäfte und den Verkauf naturwissenschaftlicher Instrumente oder Bernstein mit dem Adressatenkreis der Leopoldinamitglieder gegen Schriftgut nutzte.

SEBASTIAN PRANGHOFER (Hamburg) rundete die Tagung mit einem Blick auf Uffenbach und die zeitgenössische Naturforschung ab. Im Spiegel dessen gelehrter Sozialisation, Europareisen und Netzwerke zeigten sich praktische wie theoretische Auseinandersetzung mit anatomischer Forschung. Die Gegenüberstellung der Besuche im Anatomischen Theater Leiden und der Ruyschen Sammlung in Amsterdam 1711 verwies erneut auf bestimmte Ordnungsvorstellungen und Sammlungskonzepte Uffenbachs, die sich mit zeitgenössischen Perspektiven und Tendenzen verbanden. Die schrittweise Abkehr von moralisierender und symbolischer Deutung der Anatomie hin zu einer physikotheologischen Perspektive stehe hierfür beispielhaft, so der Referent.

Konferenzübersicht:

Sektion I: Büchersammeln und Gelehrsamkeit in der Frühen Neuzeit

Frank Fürbeth (Frankfurt am Main): Privatbibliotheken im Mittelalter und in der frühen Neuzeit. Geschichte und Perspektiven

Friederike Berger (Leipzig) / Katrin Sturm (Leipzig): Zacharias Conrad von Uffenbach in seiner Zeit – Wissen und Gelehrtenkultur um 1700

Sektion II: Uffenbach als Büchersammler

Helmut Zedelmaier (München): Wie wird man Polyhistor? Uffenbachs frühe gelehrte Sozialisation

Monika E. Müller (Hamburg): Handschriftenpräsentation – Uffenbachiana

Mona Garloff (Stuttgart): Zacharias Conrad von Uffenbach und der Buchhandel – Gelehrte Kontakte, Praktiken des Bucherwerbs und die Wahrnehmung des Buchmarkts im Alten Reich um 1700

Alexander Schunka (Berlin): Apotheker im Schlafrock: Zacharias Konrad von Uffenbachs Bericht über seine Englandreise

Julia Schmidt-Funke (Gotha): Doing Knowledge. Die Brüder Zacharias Conrad, Johann Friedrich und Wilhelm von Uffenbach

Monika E. Müller (Hamburg / Göttingen): „Vortrefflich nützliche Bilderbücher […]“ – die Codices picturati des Zacharias Conrad von Uffenbach

Abendvortrag
Ulrich Johannes Schneider (Leipzig): Aufbau = Abbau. Über die äußere und innere Stabilität von Bücherwänden

Sektion III: Uffenbach im Kontext seiner Zeit

Heike Düselder (Lüneburg): „Perlen aus dem Mist heraus geklaubt“ –Wissens- und Sammlungsbestände einer frühneuzeitlichen Hansestadt im Blick eines reisenden Gelehrten

Ines Peper (Wien) „Nach altem Gesetz sollten die Tore der Musen offen stehen“: Der Briefwechsel Zacharias Conrads von Uffenbach mit dem Melker Benediktiner Bernhard Pez

Marcus Stiebing (Jena): Konrad Zacharias Uffenbach und die Jenaer Gelehrtenlandschaft am Beispiel der Korrespondenzen Friedrich Hortleders

Jacob Schilling (Halle): Bernsteine im Tausch für Lutherdrucke: Uffenbachs Korrespondenz- und Tauschbeziehungen mit Mitgliedern der Academia Naturae Curiosorum

Sebastian Pranghofer (Hamburg): Anatomisches Wissen im gelehrten Urteil. Zacharias Conrad von Uffenbach und die ästhetischen Werte der experimentellen Wissenschaften um 1700

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