Pantoffeln, Tennisschuhe oder Ballschuhe für alle!

Bergedorfer Zeitung, 11. Juni 1918

Angesichts des schon mehrfach beschriebenen Mangels an Schuhzeug wird jede Leserin und jeder Leser der BZ die Titelzeile des Artikels und den ersten Satz mit großer Freude gelesen haben: ohne Bedarfsprüfung sollte man einen Sonderschuhbedarfsschein erhalten können!

Beim Lesen des zweiten Satzes wird Ernüchterung eingekehrt sein, denn Straßenschuhe oder -stiefel waren in dieser Aktion nicht enthalten. Man musste sich zudem entscheiden, was man dringender brauchte: Pantoffeln bzw. Hausschuhe, um zumindest in der eigenen Wohnung keine allzu kalten Füße zu bekommen, oder Sport- bzw. Leinenschuhe, die man jedenfalls bei gutem Wetter für draußen nehmen konnte, oder eben edle „Ball- oder Gesellschaftsschuhe“, die bestimmt nicht für die Straße taugten und wegen des geltenden Tanzverbots nicht zweckentsprechend eingesetzt werden konnten? Man möge selbst abwägen, wofür man sich entschieden hätte.

Einen großen Vorteil dürfte all dieses Schuhwerk gehabt haben: da es schon 1916 oder früher produziert worden war, war die Sohle vielleicht aus echtem Leder – eine fußfreundliche Alternative zu den Holzschuhen, die es in zwei behördlich definierten Modellen gab: die „preußische Form“ war niedrig, „holländisch“ bezeichnete die hohe Form. Für Männerschuhe der hohen Form galt ein Höchstpreis von 6,80 Mark, ggf. mit Zuschlag für Buchenholz von 0,55 Mark (BZ vom 6. Mai und 19. Juni1918). Eine Chance auf richtige Lederschuhe hatten nur Personen, „denen die Benutzung von Kriegsschuhwerk die Ausübung des Berufes unmöglich machen oder Leben und Gesundheit gefährden würde.“ (BZ vom 4. Mai 1918) – und offenbar auch die Träger von Maßschuhen, die am Ende des Artikels oben erwähnt wurden.

Eine Innovation, über die die BZ am 5. Juli 1918 berichtete, konnte sich langfristig nicht durchsetzen: eine Dortmunder Genossenschaft hatte „Schuhwerk aus Blech“ zum Patent angemeldet. Bequem werden die auch nicht gewesen sein.

 

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