Die Zauberei und ihre Vertagung

Bergedorfer Zeitung, 4. Mai 1917

Das sollte ein magischer Abend in Bergedorf werden: der „unvergleichliche Zauberkünstler und Hexenmeister“ Alois Kaßner wollte sich am Sonntag in Bergedorfs größtem Saal, dem Colosseum, dem Publikum präsentieren und kündigte wahre Zauberei an: zwanzig Tassen feinsten Mokkas, frisch gezaubert, sollten (gratis!) zur Verteilung kommen, und das bei einem Sperrsitzpreis von nur einer Mark im Vorverkauf. Angesichts des bekannten Kaffeemangels müsste allein dies für einen vollen Saal gesorgt haben, dazu das Verschwinden einer lebenden Person, feenhafte Illusionen, ein unsichtbarer Flug über das Publikum – das durfte man sich nicht entgehen lassen, zumal sich Kaßner als „Bellachini 2“ bezeichnete, d.h. als legitimer Nachfolger des berühmten Samuel Bellachini, Hofzauberkünstler Kaiser Wilhelm I.

Bergedorfer Zeitung, 8. Mai 1917

Doch wer sich auf diesen magischen Abend gefreut hatte, wurde erst einmal bitter enttäuscht, wie die nebenstehende Anzeige belegt.

Wie stand es also wirklich um die Zauberkunst des Alois Kaßner? Warum ließ sich ein solcher Hexenmeister von der „unbeständigen Frachtbeförderung“ der Bahn ausbremsen? Hätte ein Mann mit seinen Fähigkeiten nicht auf andere Weise Requisiten und Apparate heranschaffen und die Bühnendekoration als Illusion erscheinen lassen können?

Wie auch immer – Kaßner verschob den Bunten Abend auf den folgenden Mittwoch, und offenbar hatte die Frachtbeförderung nun geklappt: am Donnerstag konnte die Bergedorfer Zeitung berichten, dass die „Darbietungen das gutgelaunte Publikum bis zur letzten Minute fesselten“ (siehe BZ vom 10. Mai 1917).

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